Komplett anders und doch der Selbe! 4

Es kam die Zeit der Schneebälle, die Küken, die Kirschen und schließlich wieder die Kastanien und so verstrichen die immer gleichen Jahre ohne dass sich irgendetwas grundlegendes änderte.

Immer öfter sah man das junge Pärchen, auch als solches, in den Straßen der Stadt umherwandeln und Laura? Ihre Liebesgeschichte war nach wie vor eine unebene Straße, gepflastert mit Steinen aus Leidenschaft und Verdruss.

Ihre größte Hingabe galt noch immer dem Café und seit neuestem ihrer schwarzen Bullidame Freddie, die sich zwischenzeitlich ein Platz auf Lauras Couch und in ihrem Herzen erobert hat.

Ihr war es auch zu verdanken, dass Laura sich an jenem warmen Mainachmittag die kleine Bank, unter dem großen Baum mit den blauen Blüten, ersuchte, um während der täglichen Gassirunde eine kleine Pause einzulegen und das schöne Wetter ein paar Momente lang genoss.
Völlig gedankenverloren beobachtete sie das hypnotisierende Fallen der blauen Blütenblätter und bemerkte nicht, wie neben ihr ein Radfahrer, auf dem sandigen Weg, rutschend zum stehen kam.

„Eine Waldmeisterbrause und ein doppelter Espresso bitte!“, drang es kräftig und irgendwie vertraut an Lauras Ohr.

Etwas erschrocken blickte sie nach oben und hielt sich die Hand vor das Gesicht, um die dunkle Gestalt zu erkennen, welche sich provokant zwischen Laura und die Sonne schob.
„Oh mein Gott, es lebt noch!“, scherzte sie überrumpelt,“… na Kleiner, alles fitt!?“

Es war nun mal ihre Mundart, doch noch während sie es aussprach bereute sie die Wortwahl bereits.

Die folgenden drei Minuten fühlten sich für beide wie eine Ewigkeit an. Vielmehr Zeit hatte Marco nicht, denn er war auf dem Weg jemanden abzuholen.

Lydia erwähnte er mit keinem Wort, aber allein schon die Tatsache, dass er noch hier in Dresden wohnte, gab genug Recht zur Annahme, dass es sich bei diesem Jemand wohl um Lydia handeln musste und er seinen vorehelichen, selbstauferlegten Pflichten nachging.

Was tut man nicht alles für die Liebste? Die Richtung, in die er unterwegs war, stimmte jedenfalls.

Auch sonst schien sein Leben sehr gradlinig zu verlaufen.

Er war zwar noch hin und wieder in der Welt unterwegs, jedoch nicht mehr so häufig und lange wie früher und auch sonst sind die abenteuerlichen Passagen seinem Smaltalk entwichen, so dass die Konversation nunmehr einem hausfraulichen Tratsch gleich kam… und dennoch wurde Laura das Gefühl nicht los, dass er sich mehr von dieser Begegnung erhoffte.

Der Indiana Jones in ihm war noch immer am Leben und rebellierte ein wenig gegen das Leben, welches er sich selber ausgesucht hat. Er liebte es sehr, doch die Freiheit vermisste er ein wenig.

Und als er Laura hier sitzen sah, frei alles zu tun wonach ihr beliebte, erinnerte er sich an die salzige Luft, an die schroffen Berge, an die Fremden Länder, die vielen Frauen, an ein Leben dass jeden Tag anders und neu daher kam.

Doch Laura ließ ihn abblitzen und war froh, als er sich auf machte weiter seiner Wege zu fahren, jedoch nicht ohne zu erwähnen, wie schön es war sie wiedermal gesehen zu haben und nicht ohne die Drohung los zu lassen: Er würde sich melden.

Vielleicht wäre ihr Leben etwas anders verlaufen, wäre sie vor fünf Jahren offensiver gewesen, denn anscheinend war Marco weniger fahrig, als er sich selbst immer darstellte.
Doch selbst jetzt, nach fünf Jahren, versuchte er wieder bei Laura dort zu landen, wo er bei Lydia längst schon heimisch war und vielleicht war es auch der erneute plumpe Versuch aus ihr das heraus zu kratzen, was Lydia ihm von Anfang an bot… eine Herberge.

Ein Ort zum zurückziehen. Ein zu Hause in einer Stadt, in der er nie eine Heimat sah oder etwas behagliches vermutet hätte.

Sie wurmte es ein wenig, dass die Begegnung sie so in Wallung brachte und so zündete sie sich nervös eine Zigarette an, während sie die nostalgischen, fast schon wehmütigen Gedanken über sich hereinbrechen ließ. Denn neben alle dem, was er damals bei seiner Ankunft in dieser Stadt auch verlor, bekam er etwas, was ihr noch immer verwehrt blieb… eine kleine Familie und ein wohlwollendes Herz.
Der Schrille Ton ihres Telefons riss sie jäh aus ihren einsamen Gedanken und ihr kam in den Sinn, dass er im Gegensatz zu ihr, die Telefonnummer in all den Jahren nie aus seinem Handy gelöscht hat. Und sie sollte Recht behalten.
„Hey Kleines! War schön dich mal wiedergesehen zu haben. Vielleicht hast bei Gelegenheit mal Lust auf eine Brause, oder einen Wein, oder…“
Ende des Textes und eine weitere aussagekräftige Bildmitteilung folgte prompt!
„Gruß Marco“
Nein, er war doch immernoch der Selbe und wie weit er tatsächlich gehen würde, das würde sie niemals zulassen zu erfahren.

>>ENDE<<

Thomas Kleinstück, 29.05.2015

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