„Ich habe sie geliebt“ – Anna Gavalda

Welch Unglück ist mir widerfahren? Welch Unglück, dass ich mich so sehr nach der letzten Nacht verzehre und zu ihr zurück sehne und doch, ich bin nicht unglücklich. Denn mir ist schönes zu Teil geworden und das habe ich mir doch gewünscht. Sicherlich, ich tat nicht gut daran es der Art zu verschlingen und obgleich mir der Schlaf heute sicherlich besser zu Gesicht gestanden hätte, habe ich es dennoch getan.

Ich vollbrachte was ich mir vorgenommen habe und bin auf schnellsten Wege in die Buchhandlung geeilt. Mein Objekt der Begierde stand fest und gestern sollte es endlich soweit sein. Es sollte über die Theke hinweg in meine Hände wandern und den Titel „Mein Eigen“ tragen und mit Vorfreude im Sinn, trug ich es nach hause, wo ich mich darin verlor. Ich weis nicht so recht woher mein Fimmel für französische Autoren und deren literarische Werke kommen mag, aber irgendwie scheinen sie das Geheimrezept zu kennen. Das Rezept für:“ Wie verzaubere ich einen Thomas und ziehe ihn in meinen Bann?“

Drei Stunden für Einhundertfünfundsechzig Seiten… ok, ich gebe zu ich bin kein besonders schneller Leser… aber das einzige Buch welches ich bisher geschafft habe an einem Tag zu lesen, war der kleine Prinz und haben wir es ja wieder… die Franzosen! Chloé wurde von ihrem Gatten wegen einer anderen sitzen gelassen und wird von ihrem Schwiegervater, der in seiner Gefühlskälte und Emotionslosigkeit als Kotzbrocken in die Geschichte der Familie eingehen wird, in ein Landhaus eingeladen, wo sie mit ihren Kindern ein paar ruhige Tage, jenseits des „Sitzen gelassen werdens“ verbringen soll. Aber was sollte sie wohl von dem Gedanken abbringen? In einem Haus, in dem die Erinnerungen tief verwurzelt sind und dann noch mit ihrem unnahbaren Schwiegervater Pierre, der als unantastbare Autorität auf dem Thron der Familie sitzt… ja sogar mehr auf alle herabschaut als mit ihnen zu sein. Ungesprächig gibt sie sich zunächst und lässt mehr ihre eigene Tragödie revue  passieren als dass sie irgend etwas anderes wollte. Doch der in die Tage gekommene Mann gibt sich mühe und erwischt sie schließlich in einem einsamen Moment um ihr ein Gespräch förmlich aufzuzwingen. Er redete einfach und ihr blieb fast nichts anderes übrig als zu lauschen und je mehr er erzählte, um so lieber tat sie es und sie wünschte sich, dass er nicht aufhören würde zu reden. Der Abend, die Nacht und das kleine Landhaus wurden zu einer Art Beichtstuhl und sie hörte eine Geschichte, welche ihrer gar nicht mal so unähnlich war. Eine Geschichte, die einem Leben entsprungen ist, über welches sie bis zu diesem Moment noch nichts wusste und bis zu diesem Tage auch gar nichts erfahren hätte wollen. Doch auch er stand einmal kurz davor seiner Familie den Rücken zu kehren, das Beständige und Sichere aufzugeben und sich in ein Leben zu stürzen, welches der Lebendigkeit näher kam und an welches er schon längst aufgehört hatte zu glauben und dass nur wegen einer anderen Frau. Denn ja, er hatte sie geliebt.

Auch wenn das Buch so abrupt und offen endet, wie man in diese Geschichte hineingeworfen wird und man es daher nicht als vollendete Geschichte ansehen kann… vielmehr als einen Teil einer Geschichte… so hatte es dennoch einen gewissen Zauber auf mich. Ich habe gelacht und ich hatte Tränen in den Augen und ich hatte das Gefühl ein stiller Zuhörer dieses Abends zwischen den Beiden zu sein. Ich hing an den Zeilen und den Worten, wie auch Chloé an den Lippen ihres Erzählers hing und lauschte heimlich einer Geschichte, welche sicherlich nicht einzigartig auf der Welt ist und wie sie immer wieder passieren würde, aber genau das ist es doch was unser Interesse erweckt. Die Geschichten anderer, seien sie auch noch so banal, immer mit einem gewissen philosophischen Beigeschmack. Diese Geschichten sind nicht wegweisend und helfen einem auch nicht aus den verzwickten Situationen, welche das eigene Leben schreibt, aber sie können etwas, was nicht alltäglich ist. Sie spenden Trost.

Dieses Buch liest sich wie ein von Hand geschriebener Brief und jede Seite klingt wie ein Gedicht. Es war genau die Art von Unterhaltung die ich gesucht habe und die Anna Gavalda wie kaum ein anderer Mensch versteht mir zu bieten. So findet sie nicht nur einen besonderen Platz in meinem Bücherregal, sondern räumt sich sogar einen Platz in meinem Herzen ein und wenn ich auf die vergangene Nacht zurückschaue und wehmütig auf das zugeschlagene Buch blicke, dann weis ich was ich in diesen drei Stunden Unterhaltung fühlte und tat. Ich habe sie geliebt…

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