First Date! (1)

Einst, an einem frühen Abend, im frühblühenden Dresden, in einem frühen Stadium des sich kennen lernen zweier neugieriger, junger Menschen. Wem kommt diese Situation nicht bekannt vor?

Die Szene ist perfekt. Das „Försters“ als Lokation ist immer eine gute Wahl. Das Personal tanzt lächelnd von Tisch zu Tisch, die gratinierte Hähnchenbrust ist saftig, zart und herrlich knusprig und das kleine, quadratische Tischchen gegenüber vom Tresen ist wie geschaffen zum gemeinsamen sich gegenüber sitzen. Es ist grade groß genug, dass man sich nahe ist und dennoch bietet es hinreichend Raum zum Atmen.

Der eine, die Schultern stolz erhoben und die Arme verschränkt vor seinem Martini, von dem er nicht trinkt sondern nur nippt und der andere, die Beine leicht angeschrägt aneinander gestellt und schwingt schwungvoll vor seinem grinsenden Gesicht seinen Aperol, von dem er bei jedem mal wie seine Lippen den Rand des Glases berühren Appetit auf mehr zu bekommen scheint.

Der Redefluss ist ungebremst und man gibt sich die größte Mühe zu allen angeschnittenen Themen dem Gegenüber hinreichend Mitsprache zu gewähren. Wie Zeitlupen-Ping-Pong fliegen die Satzfetzen hin und her und über der fast schon erloschenen Kerze auf der Mitte des Tisches ergießen sich im Schnelldurchlauf das Leben und die Werdegänge zweier Menschen.

Wer hat wann einmal was gemacht oder versäumt zu machen? Wo kommen sie her? Wo wollen sie hin? Warum sind sie hier und wo sehen sie sich morgen?

Zwei hoffnungslos optimistische Menschen unter der Sonne des Lebens, deren kleine Katastrophen und partnerschaftliche Fehlschläge aus ferner und naher Vergangenheit wie ein Kloß im Halse hängen, mit denen aber keiner von beiden an diesem Abend herausplatzen würde, obgleich diese Themen und Kapitel ebenso dazu beitrugen wer sie heute sind und vor allem warum.

Nein, an diesem Abend würde man die Kirche im Dorf lassen. Man würde alles schön reden und den Himmel zelebrieren und man würde sich von der überlegenen Seite präsentieren. So wie man das eben macht.

Doch die chronologisch korrekte und historisch belegte Fassung seines eigenen Daseins wieder zu geben, dabei Personen, Schauplätze und Handlungen nicht zu verfälschen oder zu vertauschen und ganz nebenbei noch gefasst, souverän und locker aus der Hüfte zu wirken, kann einem unter Umständen den Schweiß auf die Stirn treiben und schnell wird aus „Ungezwungen“-„Befremdlich“.

Zwei Stunden, zwei cl Leitungswasser von geschmolzenen Eiswürfeln im Martiniglas und zwei weitere Aperol später kann man beobachten wie der organisiertere von beiden (nämlich der mit der Uhr) die Kellnerin heranwinkt, beide getrennt bezahlen und beide die Lokalität verlassen.

Er verweißt mit einem weiteren Blick auf seine Armbanduhr und einem Fingerzeig in die Richtung in die er muss… und nach einer kurzen Umarmung entschwindet er in die Nacht, welche… wie der andere findet… viel schwärzer erscheint, als die Nächte zuvor und auch wenn er sich damit ein wenig selber belügt, aber an diesem Abend hatte er keine Erwartungen. Und dennoch… liegt sein Gesicht  in leichte Fältchen gelegt und stellt tausend Fragen!

Es steht außer Frage, dass der Abend sehr schön verlaufen ist. Doch irgendwo zwischen dem Blick in die braunen, warmen Augen des Gegenübers und dem Schluck von seinem Aperol, wurde er das Gefühl nicht los zum nächsten Tisch weiter rücken zu müssen da seine Zeit um war. Ein Kammerspiel mit dem Titel „First Date“, welches im Portfolio einer gut sortierten Bewerbungsmappe Platz gefunden hätte.

Ständig fühlte er sich in Versuchung seine Unterlagen da zu lassen, damit diese noch einmal genau geprüft werden können und damit die Möglichkeit besteht später noch einmal auf ihn zurück zu kommen, sollte man momentan für ihn und seine Fertigkeiten keine Verwendung finden.

Und er stellte sich zurecht die Frage: Daten wir noch, oder bewerben wir uns schon?

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