Zwischen Broccoli und Nougat

Es war schon spät. Die Sonne hatte sich schon längst verabschiedet und ihren Platz müde dem alten Mond überlassen und seinen kleinen funkelnden Begleitern. Er war in Eile, das war er fast immer und so sputete er sich den kleinen Weg nach Feierabend hinter sich zu bringen. Schnell noch ein paar Klamotten eingepackt und im Kopfe die Gedanken geordnet, was er denn eigentlich noch besorgen wollte. Er ließ das Auto stehen und machte sich flinken Fußes auf den Weg. Ein kleiner abendlicher Spaziergang würde ihm sicher gut tun und dabei helfen den Arbeitstag hinter sich zu lassen, etwas runter zu kommen, abzuschalten und mit Vorfreude behaftet zu einem Abend in trauter Zweisamkeit überzugehen. Er hatte keine Ahnung in welcher Stunde er lebte. Er schritt zur Arbeit in Finsternis und finster war es, als er diese wieder verließ. Ein Blick auf die Uhr am Handgelenk wäre wenig hilfreich gewesen, denn eine Armbanduhr besaß er nicht. Nur jenen die Zeit im Nacken saß, die sie stehts zu kontrollieren versuchten und nur jener die Zeit auf seiner Seite hatte und stets genug davon, der die künstliche Zeit verschmähte.

Nur das Loch in seinem Bauch verriet ihm das es unlängst an der Zeit war, ein Abendessen zu sich zu nehmen und so führte sein winterlicher Spaziergang ihn unter den Pappeln hinweg, durch Schneematsch und Eisesglätte und über die große vielbefahrene Straße, welche ihn von seinem Ziel trennte. Der Lebensmittelladen um die Ecke, war geeignet genug um auf schnellsten Wege noch ein paar Zutaten einzuholen und ein paar Leckereien, die den Abend noch etwas versüßen sollten. Er wusste dass man ihn erwartete und er wusste auch dass man von ihm erwartete nicht mit leeren Taschen nach hause zu kommen. So sehr er versuchte den Kopf auch frei zu bekommen, gelang es ihm nur selten. Denn Arbeit, Wohnung und Partnerschaft stets unter einen harmonischen Hut zu bekommen war gar keine so leichte Aufgabe. Doch es war ein wunderbares Stück Alltag und er tat es gern, auch wenn es für ihn bedeutete von früh bis spät auf den Beinen zu sein. Doch wer rastet der rostet, so dachte er stets und verdrängte voller Elan und Tatendrang die Müdigkeit. Zum ausruhen hatte er Sonntags Zeit genug.

Die Hauptzutaten, welche das Abendbrot formen sollten standen fest und nun war es an ihm etwas hinzu zu fügen, was das ganze abrundet und erst zu einem vollwertigem Gericht zauberte. Ein paar Beilagen, so wurde es gewünscht und natürlich etwas zu trinken. Ein Dessert durfte es natürlich auch sein, darauf würde man sich freuen. Er betrat den Laden und das helle Licht blendete ihn und richtete sich wie ein Spot auf seine unscheinbare Gestalt. Schlank und groß war er, von oben bis unten in schwarz gekleidet. Ein Dreitagebart legte sein schmales Gesicht in sanfte Schatten, denn zum rasieren hatte er noch keine Zeit gefunden. Er war wie er von Arbeit kam und er fühlte sich matt und war sich sicher, genau jenen Zustand mit seinem Äußeren zum Ausdruck zu bringen und der Stadt zu präsentieren. Er nahm sich einen der Körbe und begann mit seinem Streifzug durch die Regale. Da er sich auskannte waren seine Bewegungen präzise und strukturiert. Er wusste genau wo er hin musste. Zunächst das Dessert, denn es begegnete ihm als erstes, gleich neben den Weinregalen. Ein Joghurt erschien ihm gesund, doch die winterlichen Geschmacksverirrungen der Hersteller sagten ihm alles andere als zu.

Bratapfel und Zimtgeschmack, Backpflaume und Punsch… alles Dinge die er selbst zur Weihnachtszeit nicht sehr wertschätzen würde und Weihnachten war auch schon vorbei. Die althergebrachten Sorten waren ihm am liebsten… Vanille oder Pfirsich-Maracuja… das waren Sorten die ihm persönlich das Herz höher schlagen ließen und doch, so wusste er, hätte er mit der Wahl der saisonbedingten Produkte zu hause ein paar strahlende Augen erzeugt. Zu hause, was war das schon? Er nannte es so, da er sich bei ihm wohl fühlte. Doch offiziell wohnten sie getrennt von einander.

Er entschied sich für etwas, das garantiert auf Zustimmung treffen würde, obgleich er selbst kein großer Freund von roter Grütze mit Vanillesoße war, aber er, so ging es ihm durch den Kopf, würde es lieben und schließlich geht es ja nicht immer nur um das eigene Wohlbefinden. Kompromissbereit griff er zu jener Variante die aus Kirschen gemacht wurde, denn Kirschen können nicht schlecht sein und mit genug Vanillesoße würde es wohl für beide ein hinreichend leckeres Dessert werden und somit war es besiegelt.

Nun noch an der Fleischtheke vorbei, denn das Rahmgeschnetzelte als Hauptkomponente wartete bereits zu hause. Etwas Reis in den Korb, der würde schnell gehen und belastet nicht im Nachhinein… und als Gemüse? Broccoli finden beide lecker. Ein typisches Modegemüse. Vor ein paar Jahren hätte niemand darüber gesprochen und nun ist Broccoli überall dran und in aller Munde, genau wie Bärlauch. Er scheint bis vor ein paar Monaten nur im Garten der ehemaligen Schrägnachbarn existiert zu haben und dann entwickelte der Knoblauchersatz, welcher aussah wie Maiglöckchen ohne Blühte, ein Eigenleben und war plötzlich in jedem erdenklichen Lebensmittel zu finden. Es war nur noch ein kurzer Schritt bis die erste Marmelade mit Bärlauch auf den Markt kam, da war er sich sicher. Er wählte also den Broccoli, die tiefgefrohrene Variante, denn zum putzen von frischen Gemüse hatte er weder die Lust noch räumte er sich die Zeit ein. Er konnte das Gewese um Frostgemüse eh nie verstehen. Kurz blanchiertes und dann schockgefrostetes Grünzeug besaß seiner Ansicht nach noch ebenso viel an Vitaminen, wie ein frischer, in kleine Rößchen geteilter Broccolie, der zwanzig bis dreißig Minuten am Siedepunkt seiner Existenz vor sich hin köchelte.

So hatte er schließlich genug der benötigten Dinge zusammen und er, als Optimist, sah seinen Korb in seiner Hand halb voll. Das sollte genügen. Noch schnell etwas zu trinken geholt und dann nichts wie weg. Hochprozentig durfte es sein, denn wer weis was der Abend noch so bringt und so trugen ihn seine schweren Beine zu den Spirituosen, gleich neben den Regalen mit den Süßigkeiten. Welch Ironie, so dachte er und griff den Martini, den milden roten, der Kindheit und Erwachsen sein vereinte.

Da war ein Geräusch, hervorgerufen von zu Boden fallenden Schachteln und es zog seine Blicke und seine Aufmerksamkeit magisch an. Nicht weit von ihm, nicht mal zwei Meter, war ein junger Mann damit beschäftigt, das Chaos welches er angerichtet hat, wieder zu richten. Ein schmaler Mann, von guter Größe und guter Statur, gehüllt in einen Mantel, entnahm eine der Pralinenschachteln und riss ein paar andere ungewollt mit sich. Kaum ein anderer Mensch war im Laden zu sehen und nicht einer hätte diese tapsige Situation registriert.

Doch er mit seinem Korb in der einen und dem Martini in der anderen Hand beobachtete es und stellte sich vor, wie sehr er es auch selbst hätte sein können, der da ungewollt die Aufmerksamkeit anderer auf sich zog und wie sehr er sich in solch einer Lage ein Loch im Erdboden herbeigewünscht hätte, in welches er sich verkriechen konnte. Doch nicht ihm passierte es, sondern einem anderen und er fühlte sich weniger allein mit dieser sympatischen Gabe. Doch genug gesehen und genug getrödelt, die Kassen warteten, gleich zwei geöffnet und kein Mensch vor ihm, genauso mochte er es. Noch schnell bezahlen und dann in die Kälte, der Abend wartet… ein Mann der wartet… ein hungriger dazu. Bald würde er zur Ruhe kommen und alles fallen lassen, einschließlich sich selbst. Er stand allein an der Kasse. Es war niemand hinter ihm. Nur die Kasse gegenüber war geöffnet, doch das beachtete er nicht. Er sah der Verkäuferin lächelnd zu und versuchte ihr so gut es ging ein netter freundlicher Kunde zu sein. Er bezahlte, verstaute seine Einkäufe und verabschiedete sich höflich in den Feierabend.

Er war in Eile. Es galt einer Einladung am Abend nachzugehen, doch mit leeren Händen wollte er nicht erscheinen. Gleich um die Ecke war noch der Laden. Dort würde er sicher etwas finden. Vielleicht etwas süßes oder ein Wein? Er griff nach der Schachtel mit der Zusammenstellung von Trüffel und Nougat, denn mit Nougat lag man selten falsch… süß und klebrig… das mögen Menschen, die zu geselligen Abenden einluden. Wie peinlich, jetzt riss er ein Drittel des Regalinhaltes mit, doch zum Glück hat es wohl keiner gesehen. Er beseitigte noch schnell die Unordnung und schritt zu den Kassen. Gleich zwei waren geöffnet und er entschied sich für jene, an welcher noch niemand stand… schnell musste es gehen, das war alles was zählte. Die Verkäuferin zog die Schachtel über das Band, doch was sie sagte erreichte nur schemenhaft sein Ohr. Sein Blick war gefesselt. Denn gleich an der Kasse gegenüber stand er, mit dem Martini und der roten Grütze. Er musterte ihn von oben bis unten. Die weichen Stoppeln im schmalen Gesicht, die den schmalen Mund umschmeichelten. Lang und schlank, knabenhafte Statur und völlig in schwarz gekleidet. Eine verschlissene Hose unterstrich den Gesamteindruck und so verwegen er auch wirkte, so tat er das nicht ohne Stil. Er beobachtete ihn und wie er seine Einkäufe verstaute und wie er sich mit einem Lächeln verabschiedete und wie er plötzlich verschwunden war. Etwas ließ ihn in Gedanken mit ihm verschwinden, während er seine Pralinen bezahlte… etwas an diesem Jungen zog seine Aufmerksamkeit magisch an… etwas an diesem Jungen erinnerte ihn an seinen Freund…

Er verabschiedete sich, nahm seine Pralinen und ging seiner Einladung nach.

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