Zurück bei Merle…

… “Merle! Merle! Du glaubst nicht was uns vergangene Nacht widerfahren ist! Wir haben das Rätsel um die Pfützen im Blauen Viertel gelöst!”, mit diesen Worten eilten Ravel und Tamala um die Ecke und durchquerten, völlig aufgelöst und puterrot, das renovierungsbedürftige Gartentürchen zum Haus der alten Dame. In Windeseile stießen sie die Haustür auf und dachten mit keiner Silbe daran im Dämmerlicht des Flures eine Pause einzulegen, oder sich die Füße auf dem ohnehin schon in die Jahre gekommenen, aus Stroh geflochtenen Abstreicher ab zu treten, auf welchem in schwarzen, von den Einflüssen der Zeit verwischten und verblassten Buchstaben nur noch schehmenhaft  das Wort “Willkommen” zu erkennen war. Das die beiden Kinder im Hause der Greisin stets willkommene Gäste waren, das wussten Ravel und Tamala natürlich, auch unabhängig davon, was auf dem porösen Fussabtreter geschrieben stand. Das Merle die Anwesenheit der beiden genoss, wurde ihnen von unzähligen, süßen Marmeladenbroten und frisch aufgebrühten Tassen aromatischen Tees, bei geselliger Runde unter dem Blauregen am Brunnen ihres Gartens verdeutlicht und die Tatsache, dass Merle in ihrer Gegenwart stets zum einnicken tendierte, war Beweis und Ausdruck genug, dass sie sich wohl und geborgen fühlte. Doch abruppt  blieben der Junge und das Mädchen vor dem blinden Spiegel im Flur stehen, wobei Ravel seine Beine noch ein Stück weiter wollten, während sein Kopf schon längst stehen geblieben ist. So stieß er mit seinen Knien in die Kniekehlen von Tamala, welche das Gleichgewicht verlor und zu Boden sank, um für Ravel ein plötzliches Hinderniss darzustellen und ihn über Tamala hinweg Purzelbaum schlagend, mit dem Rücken auf die knarrenden Dielen zu betten. ” Verdammt! Kannst du nicht aufpassen!”, fluchte Tamala, die mit ihrem Kopf zwischen seinen Knien steckte. ” Was bleibst du auch einfach so stehen? So… mitten im Flur. Bist doch selbst daran Schuld!”, erwiderte Ravel neunmallkug, “… weshalb bist du stehen geblieben?” “Psst… sei mal still!”, versuchte sie ihn zum schweigen zu bringen, “… merkst du es nicht? Irgendetwas ist anders…”, stellte Tamala verwundert fest.

“… Schon als wir durch den Vorgarten liefen ist mir etwas merkwürdiges aufgefallen. Es war so still und dunkler als sonst und aus der Esse stieg kein Rauch.”, sagte Tamala bedächtig, während sie mit zusammengekniffenen Augen die nässende Schürfwunde an ihrem rechten Knie unter die Lupe nahm. “Mag sein dass sie vielleicht garnicht zu hause ist?”, fragte Ravel, der sich im aufraffen den Staub von der Hose klopfte. “Merle?”, entfuhr es ihnen jetzt, wie aus einem Munde. Vorsichtig stießen sie die Tür zur Küche auf, die für gewöhnlich unverschlossen war und tatsächlich. Kein Feuerchen loderte im Ofen, der aus roten Ziegeln gemauert war und der Tisch, der an jedem anderen Tag voll mit Gläsern stand, die gefüllt waren mit selbstgemachten Marmeladen und eingewecktem Obst, war völlig leer und nur eine dicke Kerze, deren herunter gelaufener Wachs wie die Zweige einer Mähnenzypresse aussah, stand in der Mitte des staubigen Holztisches auf einer Kupferschale und war ebenfalls erloschen. Ravel und Tamala schlossen die Küchentür hinter sich und schlichen den flur in Richtung des Gartens entlang. Die Tür zum Garten war verschlossen und als sie heraustraten stellten sie fest, dass alles viel ruhiger und finsterer wirkte, wenn die alte Frau nicht anwesend war. Der Platz am Brunnen war leer und kein Lüftchen trug den lieblichen Duft der Obstbäume an ihre Nasen heran. Die Dornen der Brombeersträucher wirkten bedrohlich und kein einziges Glühwürmchen schwirrte zwischen den Blühten der Lavendelbüsche umher. Alles wirkte verlassen, grau und nahezu Leblos…

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