Wir die Querulanten?
… Ravel schloss seine Hände zusammen und ließ sie locker zwischen seinen angewinkelten Beinen herunterbaumeln. Er starrte nun ebenfalls in Richtung der Straße und bemühte sich, zum eben gesagten, ein paar Worte zu finden. Mit ausgeglichener, ruhiger Stimme fing er schließlich an zu Tamala zu sprechen:” Es stimmt… dass mit Kapo etwas nicht stimmt…”. Tamala verpasste ihm lächelnd einen spielerischen Klaps auf den Hinterkopf. Er senkte diesen sogleich und musste selbst ein wenig über seine Worte Schmunzeln, während er sich die Stelle kratzte welche Tamala berührte und ihr einen schelmischen Blick von der Seite zu warf. Ravel räusperte sich und fand schnell zum nötigen Ernst zurück. Bedächtig fuhr er fort:” Siehst du diese kleine Ansammlung von Menschen dort? Da drüben auf dem Friedhof. Sie stehen noch immer. Das taten sie schon als wir hier eintrafen und wer weiß wie lange schon vorher. Oder das adrette Paar dort drüben…”, mit einem Kopfnicken verwies er auf den Mann und die Frau, welche schon Tamala aufgefallen sind. Als die Straßenbahn sich träge und schnaufend wieder in Bewegung setzte, standen sie erneut vor dem Schaufenster des kleinen Ladens und beäugten die offerierten Produkte,”… das machen sie schon die ganze Zeit. Stupide stolzieren sie den Straßenzug auf und ab und bleiben immer wieder vor diesem Schaufenster stehen… sie reden nicht… fast scheinen sie einander fremd und doch… sie halten sich an der Hand.”
” Weist du. Solche Kleinigkeiten und seien sie auch noch so banal, beobachte ich Tag für Tag und immer wieder regen sie mich zum Nachdenken an. Es ist auch nicht erst seit gestern und auch nicht seit einer Woche. Ich stelle mir immer wieder Fragen. Manchmal verwerfe ich sie und manchmal lassen sie mich einfach nicht mehr los.” Ravel senkte seinen Blick vor seine Füße und seufzte. ” Du Tamala. Du bist meine einzige Freundin. Ich meine jemanden mit dem man durch dick und dünn gehen kann und das schon… ach, ich weis nicht mehr wie lange schon… ewig eben! Aber in einer so großen Stadt, mit so vielen Menschen und so vielen Kindern, sollten wir zwei doch nicht die einzigen sein, die sich gefunden haben. Mit niemanden kann man wirklich reden in Kapo. Die sind doch alle irgendwie verrückt!” ” Was macht dich so sicher, dass nicht wir die Verrückten hier sind?”, warf Tamala zwischendurch ein. Sie hatte ihren Kopf auf ihre Hände abgestützt und beobachtete nun mit einem zufriedenen Lächeln Ravel und lauschte seinen Worten. Die Straße ließ sie Straße sein und hatte sie völlig verdrängt. Sie konzentrierte sich nur auf die Person, welche neben ihr saß. ” Wahrscheinlich hast du recht. Statistisch gesehen sind wir hier die Querulanten, aber Statistiken sind doof! Wenn ich einen Stein auf eine Fensterscheibe werfe und ich werfe einmal einen Meter links daran vorbei und werfe ein zweites mal einen Meter rechts daran vorbei, dann wäre die Scheibe statistisch gesehen kaputt… “, rechtfertigte er seine Aussage.
“… schau dich doch um. Kapo ist eine Stadt voller Gegensätze. Riesig in ihren Ausmaßen… unüberschaubar… anonym… und doch hat sie etwas beschauliches. Sie ist alt und ihre weit verwinkelten Gassen und Wege sind sich eine der anderen so ähnlich dass man ständig Gefahr laufen würde sich zu verirren und doch ist diese alte Stadt von oben bis unten mit allerneuster Technologie vollgestopft. Telefone und Computer in jedem Haushalt und die Litfaßsäulen wurden schon längst von großen Plasmabildschirmen vertrieben, welche nun die Fassaden der Häuser verunstalten. Zeppeline mit Leuchtreklamen hängen träge am Himmel, wie Luftballons… nur ohne Leine, die sie vor dem davonfliegen bewahrt. Das Leben hier ist einfach und klar, alles wirkt so vorausbestimmt… wir könnten diesem Strom folgen, aber damit möchte ich mich nicht abfinden. Etwas am Bild der Stadt ist nicht richtig und ich habe mir fest vorgenommen herauszufinden was das ist. Wir können doch nicht die einzigen zwei sein, die noch nicht erwachsen genug sind um das alles zu begreifen! Kannst du dich noch an die Worte von Großmutter Merle erinnern?” Tamala schloss kurz die Augen und drehte ihren Kopf wieder ab von Ravel. Sie schaute wieder zur Straße, wo grade die nächste Straßenbahn hielt. ” Denkt weiter als Kapo… ist es das was du meinst?” ” Genau! Kapo kann doch nicht alles sein! Darüber hinaus muss es doch noch irgend etwas geben… ich meine, diese Stadt muss doch irgendwo einen Ursprung haben und ebenso muss sie irgendwo enden und eine Antwort…. “, schloss er selbstsicher ab, “… eine Antwort auf unsere Fragen, werden wir hier wohl nicht erhalten!” Ravel klang selbstbewusst und voller Elan. Es schien seine volle Überzeugung zu sein und Tamala ließ sich vom Tatendrang des Jungen anstecken. Sie schaute ihn mit großen strahlenden Augen an und war sich sicherer denn je, dass ihre Situation tatsächlich etwas sehr abenteuerliches an sich hatte und mit Ravel, so dachte sie sich, würde sie jedes Abenteuer bestehen. Denn schließlich, standen sie doch grade erst am Anfang….