Tanz der Skulpturen
Wiedereinmal setzte er sich in Bewegung, weil die Enge der vier Wände seine Arterien zu zerdrücken drohte. Das pastellblaue Väterchen zupfte ununterbrochen an seinen Fingerspitzen, wie ein Spitz sprang er um seine Beine und versuchte immer wieder nach den Händen zu schnappen. Lass das, hör auf, dachte er sich, aber er war machtlos. Obgleich er seine Fingerkuppen in den Taschen seiner Hose verschwinden lies, oder das pastellblaue Väterchen in seiner Kraft langsam zu ermatten drohte, die Temperatur in seinen Fingerspitzen sank und sie machten sich unweigerlich mit einem kribbeln bemerkbar. Die blattlosen Wipfel der Platanenallee schienen miteinander zu verschmelzen und sich, je weiter sie sich dem Himmel entgegen streckten, augenscheinlich im nichts zu verlieren und zu verschwinden. Kein Lüftchen geht und die Wege unter den Bäumen glitzern als hätte es eben erst ein paar Sterne geregnet, am Himmel jedenfalls waren sie nicht. Doch zwischen den Schatten der Stämme bewegte sich etwas. Vor ihm und hinter ihm fegten und drehten sich dunkle Flecken über die Wege. Die massiven, steinernen Figuren haben sich im schutze der Nacht unbeobachtet gefühlt und beschlossen ihre Füße etwas zu vertreten. Sie haben alle samt ihre Sockel verlassen, die Malerin, die Frau mit dem Hund, der Dichter und auch die Dame mit dem Fernrohr, sie alle bewegen sich auf den Wiesen und dem Pflastergestein und tanzen einen leisen Walzer zur Melodie der Stadt. Doch einer von ihnen leuchtet wie die Sonne so grell und so strahlend und so furchteinflößend schön. Der alte König auf seinem Ross hatt sich ebenfalls zu einem nächtlichen Spatziergang hinreißen lassen und wandelt bedächtig und ehrwürdig zwischen seinen Schäfchen. Das Pferd trägt sein muskelöses Haupt nur knapp über dem Boden wippend und seine lange Mähne hängt in Fransen herab und berührt die eisige Straße, aus seiner Nase stauben in Interwallen weiße Wölkchen. Der König wacht über sie. Er beobachtet sie und er hat ein Auge auf ihn. Nun würde er sie nicht stören wollen und der Einfluss des Reiters kroch langsam seine Hosenbeine hinauf und ergriff besitz von seinem Körper. Er wusste es wäre besser umzudrehen, nach hause zu gehen, oder einen anderen Weg zu wählen. Doch eigendlich war ihm genug der frischen Luft bekommen und so trat er den Heimweg an und überlies die Stadt sich selbst und ihren Zeugen.
Gute Nacht.