Sesam öffne dich…

… Doch wozu braucht man auch einen Schlüssel? Dachte sich Ravel und fing wie wild an, an der Kiste rum zu rütteln und zu fummeln. Tamala stützte sich auf der Schulter des Jungen ab und erhob sich langsam, während sie ihren Blick im Zimmer schweifen ließ und sich nachdenkend den Kopf kratzte. Ravel verfiel wieder in seine Niesattacken, doch zeigte er keine Müdigkeit in Bezug auf die Truhe und auch sein  Einfallsreichtum erfuhr durch die allergische Reaktion keinerlei Abbruch. Mit der Spitze seines Wohnungsschlüssels fuhr er zwischen Deckel und Unterteil der Kiste und versuchte durch Hebelwirkung erfolgreich an den darin verborgenen Schatz zu gelangen. Es knackte kurz und Ravel schaute mit hochgezogener Augenbraue den Stumpf seines Schlüssels an, der nun nicht mal mehr zum schließen zu gebrauchen war. Hektisch warf er den Kopf hin und her. In seinen Augen spiegelte sich ein kleiner Stern wieder und fesselte seinen Blick. Wie hypnotisiert, aber mit zügigen Schritten, bewegte er sich auf Tamala drauf zu, welche sich daran gemacht hat die Schieber des Tischchens mit dem Spiegel zu durchsuchen. Blitzschnell zog er ihr eine Haarnadel aus den Haaren heraus und ehe Tamala bemerkte was passierte, saß er schon wieder vor der Truhe neben dem Bett. Tamala sah nach ob die Fenster richtig geschlossen waren, denn den Luftzug den sie verspürte konnte sie sich nicht erklären. Sie öffnete eines und zog es kräftig wieder zu, um sicher zu gehen, das es dicht war. Ein vorher nicht da gewesenes Kling-Klang drang an ihr Ohr. Fast wie das bimmeln kleiner Glöckchen, die von einem Lufthauch erfasst wurden und nun wieder zum Stillstand gelangten.

Ravel steckte vorsichtig die Haarnadel in das kleine Schlüsselloch und fing an sie zu drehen, während seine Zunge die Bewegungen auf seinen Lippen nachvollzog. Im Schneidersitz kauernd hob er die Truhe an sein linkes Ohr und versuchte zu erlauschen, ob das rumstochern mit der Nadel ein paar positive Klickgeräusche erzeugte. Doch alles was er vernahm war das Knirschen abblätternden Rostes. Sein Gesicht zog sich zusammen und er pustete sich kapitulierend eine Strähne aus dem Gesicht. Er stellte die Kiste zu Boden und schüttelte verständnislos den Kopf. Tamalas Neugier wurde der Weilen von einem ganz anderen Ding geweckt. Sie schob sich den dreibeinigen Hocker vor dem Spiegeltisch zurecht und nutzte ihn als Trittleiter um an eine der Lampen zu gelangen, welche links und rechts vom Spiegel an der Wand befestigt waren. Unter einer der Lampen hing ein kleines Windspiel, dass aus blauen und grünen Glasscherben gefertigt war. Doch eine der Scherben passte so gar nicht ins Gesamtbild hinein. Ein zufriedenes Lächeln machte sich auf Tamalas Gesicht breit, denn sie wusste dass sie mit ihrem geduldigen suchen mehr erreicht hatte, als es Ravel mit seinem hastigen handeln im Stande war. Diese Genugtuung behielt sie freilich für sich, doch ihr Herz begann wie wild zu klopfen, als sie ihre schlanken Fingerspitzen nach einem kleinen, massiven, aber rostigen Schlüssel ausstreckte. Eben einem Schlüssel wie er nur für dieses eine Schlüsselloch gemacht sein konnte. Sie griff zu und riss mit einem kurzen Ruck den dünnen Faden durch, der den Schlüssel zwischen den Scherben hielt. Fest umschloss sie ihn mit der Hand und setzte sich zu Ravel auf die Dielen zurück. Noch versteckte sie ihren Fund in der Hand und blickte Ravel verschmitzt von der Seite an. Seine Ratlosigkeit und Verzweiflung wollte sie so gerne noch für einen kurzen Moment genießen…

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