Schlaflos in Dresden…

Ich kann nicht schlafen. Das ist nichts neues, denn zur Schlaflosigkeit tendiere ich…

… ich stehe auf und lege mich hin, ich stehe wieder auf und lege mich abermals hin… das mache ich solange bis mir jegliches Bewusstsein dazu fehlt, in welcher Reihenfolge ich dieser Tätigkeit nachgehe…

… ich möchte Schäfchen zählen. Doch leider ziert keine einzige Wolke das nächtliche Firmament… es bleiben die Sterne…

… ich verzähle mich immer und immer wieder und komme zu dem Entschluss, die mir unlogische Materie der Mathematik ein für alle mal sein zu lassen…

… etwas handfestes muss her…

… ich greife zum Weißwein und fülle einen guten schluck davon in mein Rotweinglas…

… er steigt zwar zu Kopf, doch er macht mich nicht glücklich. Ich lasse die Pfütze des billigen Fusels auf meinem Tischen stehen und sehe gespannt zu, wie sich eine Obstfliege aus lauter Langeweile darin das Leben nimmt…

… ich wollte doch glücklich sein…

… ich greife nach einer Hand voll kleiner Schokoriegel. Jene mit 85% Kakao sind zu krümelig und zu trocken für die herrschende Finsternis und jene mit 65% Kakao zu weich und zu klebrig…

… der Mülleimer kommt mir grade recht…

… ich kann nicht schlafen, obgleich ich doch müde bin und stelle mir vor, dass es sich ebenso anfühlen muss wenn man denkt dass man tot ist… obwohl man doch lebt…

… ich bemerke, dass die Nacht mit voranschreitender Stunde nicht dunkler wird und die Sonne um halb fünf sich die Mühe nicht macht über den Horizont zu klettern…

… für was auch?…

… die vorbeifahrenden Autos? Jedes fünfte davon hupt und jedes zweite ist eine Straßenbahn…

… ein frischer Atem umsäuselt mein Haupt und die Fliege im Wein versucht mit letzter Kraft den steilen Rand des Glases zu erreichen… Warum?…

… ich beginne die feinen Härchen zu zählen, welche sich auf meinen Unterarmen aufstellen…

… zu verwirrend…

… als würde ich die von Dornen besetzten Tentakeln eines Brombeerstrauches ordnen wollen…

… und überhaupt, Mathe…

… unten im Hof ist jemand damit beschäftigt die Tonnen, welche vor vier Stunden noch von einer alten Frau nach brauchbaren Überresten durchforstet wurden, an den Rand der Straße zu bringen…

… fünf Uhr morgens…

… der große Wagen verschwindet hinter dem Fürsten unseres Daches, der immernoch wolkenlose Himmel kleidet sich langsam in stählernes blau und die nächste Bahn trudelt mit dem ersten Vogelgezwitscher des Tages ein…

… aus einem weit geöffneten Fenster des Nachbarhauses hängt die Gardine heraus und haftet am grauen Putz, wie das Netz einer Spinne in einer Buchsbaumhecke…

… der bald schon volle Mond beginnt sich in einem Duell zu wehren, von welchem er genau weis dass er es verlieren würde…

… und ich?…

… ich wehre mich nicht mehr und stehe auf…

… die Sonne grüßt und streckt ihre Fühler einem sommerlichen Tag entgegen.

Ein Kommentar zu “Schlaflos in Dresden…”

  1. summertimeDD

    so schön und treffend…..

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