Thomas Kleinstück am 23. Juni 2011 um 22:38
Ein sanftes Kissen ist`s, wenn man weis,
dass jemand einen trägt,
doch ein Held, ist jener Mann,
der sich selbst zu tragen versteht…
Ein sanftes Kissen ist`s, wenn man weis,
dass jemand einen trägt,
doch ein Held, ist jener Mann,
der sich selbst zu tragen versteht…
Alles war noch genau so wie er es am Morgen verlassen hatte. Das Bett lag zerwühlt, eine leere Tasse mit Kaffeerand stand einsam neben der Nachttischlampe und der Dunst der letzten Nacht machte es ihm unmöglich vor Ohnmacht um zufallen, welche ihn nun überkam. Beengt und erdrückt kam er sich vor und so sehr er sich den Frühling auch herbeisehnte, so sehr wünschte er sich doch auch den Schnee! Doch wollte er lieber Schneemänner bauen und rodeln gehen, als Schlachten mit Bällen aus körnigen, Rollsplitt durchwirkten Eis ausfechten zu müssen!
Alles drehte sich in ihm und um ihn herum. Er riss die Fenster auf und blitzschnell legte sich ein dicker Beschlag auf die warmen Scheiben hernieder, als die neue Luft sich daran machte, das Alte aus seinen vier Wänden zu vertreiben. Sein Atem ging schnell und er fühlte weder die Kälte, die ihn umgarnte, noch die Wärme, welche aus dem Zimmer floh. Alexander begann den Beschlag von den Fenstern zu kratzen und Schneebälle daraus zu formen, welche er Einen nach dem Anderen in die Dunkelheit der kahlen, ungeschützten Flur hinaus schleuderte, doch es war nicht genug… er wollte doch Schnee!
Dann riss er sich die Kleider vom Leib um sich frei zu fühlen und stieg unter die Dusche, in der Hoffnung Reinheit zu erlangen und dass das heiße, belebende Nass, welches nun auf seinen nackten Körper prasselte, die Scharm und Feigheit von ihm spülen würde… auf dass sich das Ungemach des Tages und seiner Selbst in den stinkenden Katakomden der Kanalisation ersäufen würde, denn dort gehörte es doch hin!
Das Bad lag nun in tropischer Hitze und sein Blick wurde von feuchtem Nebel getrübt. Er wischte über den Spiegel vor sich und so gleich wurde sein eigenes Bild wieder verschleiert und die Abgestumpftheit und Banalität des Seins sichtbar. Doch so wie er das Fenster öffnete wurde sein Leib von einem polaren Hauch erfasst und Gänsehaut straffte das Gewebe seiner nassen Haut. Der Winter wirbelte im Raum umher und jeden, in der Luft hängenden Tropfen, den er erfasste, verwandelte er in einen kleinen, wie Kristall glänzenden Stern… zu feinen Flöckchen aus Schnee, welche langsam zu Boden schwebten und sich auf Alexanders Haaren, Wimpern… auf seinem ganzen Körper hernieder legten.
Es schneite im Badezimmer des Jungen und ihm wurde klar, dass nur seine eigene Wärme es vermochte, die Kälte der Anderen sichtbar zu machen und ebenso wurde ihm bewusst… um finanziell nicht auf der Strecke zu bleiben, war dies der einzig richtige Weg den er beschritt, auch wenn er sich damit selber betrog und er nicht nackter vor sich hätte sein können.
Bleich und frierend ging er zu Bett und fröstelnd schlief er schließlich ein. Kalt umhüllte ihn die Nacht, wie das unschuldige Weiß des Schnees, einer Farbe auf der jeder Schandfleck… jeder Schmutz… sichtbar wurde. Verewigte Fehler, welche erst dann erloschen wären und Vergebung erfuhren, wenn der Grund, auf welchen die blutigen Tropfen fielen, dahin geschmolzen ist. Geschmolzen wie der Schnee… wie das gefühllose, kalte Weiß… wie die Farbe des Kapitalismus…
-Ende-
Hatte er Angst davor aus den flauschigen Kissen und Decken, dem besinnlichen Sein der letzten Wochen herausgerissen zu werden und von heute auf morgen nicht mehr sagen zu können, dass er doch glücklich ist? Konnte Alexander überhaupt beurteilen ob er glücklich war, wenn dieser verheißungsvolle Tag nicht gekommen wäre? Wollte er nicht immer dieses Auf und Ab und Hin und Her in seinem Leben, weil er innerlich fürchtete stehen zu bleiben und auf der Strecke zu bleiben?
Wer rastet der rostet, so dachte er immer. Doch obgleich es nun der Stillstand ist, oder die viel zu schnelle Veränderung der Autobahn des Lebens, gut war es nur solange es aus freien Stücken geschah… aus einem freien Willen heraus gedieh.
Schnell überquerte er den Hof und eilte zu seinem Auto. Kurz hielt er inne, versuchte einen klaren Gedanken zu greifen. Er legte seinen Unterarm auf das Dach seines Wagens und verkrampfte seine Hand zur Faust. Mit zusammengekniffenen Augen schlug er seinen Kopf ein paar mal auf das silbergraue Blech und polierte es an jener Stelle von den Spuren des Winters blank, wo seine Stirn die kalte Oberfläche berührte. Noch war sein Tag nicht vorüber und längst erwartete man ihn auf Arbeit zurück. Doch wie sollte er mit zum bersten vollen Regenwolken im Herzen unbeschwert, auf gewohnt lockere Art seinem Tageswerk nachgehen? Nicht einmal die durch die kahlen Wipfel der Heide gleißende Sonne vermochte es sein Gemüt zu erheitern und dennoch wünschte er sich, dass die fahrt durch die Wälder niemals ein Ende finden würde.
Mit gesenktem Blick begrüßte er seine Kollegen und er schloss die Tür zum Pausenraum hinter sich um kurz noch einmal die Stille zu spüren, welche ihn umgab und erfüllte. Er saß auf dem Tisch, die Füße auf dem Stuhl gebettet und die Ellbogen auf die Knie gestützt, sein Haupt zum Boden geneigt und sein Gesicht schützend in seine Hände vergraben. Dann trat er vor den Spiegel und benetze sein Gesicht mit kühlem Wasser. Er tupfte sich ein, zwei Spritzer Parfume links und rechts unter die Ohrläppchen und richtete mit einem Schwall, klebrigen Haarlacks, seine Frisur… übte noch kurz sein Lächeln und schritt dann voran, um den Rest des Tages mit eben jener Maske die mit Frühjahrskollektionen behangenen Kleiderständer und die Schaufensterpuppen zu beleben und die Kundschaft durch das Labyrinth der Mode zu begleiten.
Er verlebte den Rest des Tages, so wie er es immer tat und er lachte und wirkte glücklich, so wie er es immer tat… das konnte er gut.
Erst als der Feierabend ihn nach Hause trieb bemerkte er, welch außergewöhnliche Kraft der Tag und die Sonne heute gehabt haben müssen. Kein Krümel Schnee säumte nun mehr die Gehwege und die Ränder Straßen. Wo waren die Fußstapfen der unsichtbaren Kätzchen? Wo waren die in Hermelin gekleideten Eichhörnchen? Es war als hätte die Sonne in den vergangenen Stunden die Stadt, einem Cocktailglas ähnelnd, einfach an ihre wohlig warmen Lippen gesetzt und in einem Zuge ausgetrunken. Doch mit dem verschwinden jener energiespendenden Kraft und dem herabsinken der Dunkelheit, zeichnete sich ein sternenklarer Himmel über Alexander ab und die Schärfe und Klarheit mit welcher sich das Dreigestirn des Orions über seinem Kopf offenbarte ließ ihn wissen, dass der Winter noch nicht vorüber war und eine eiskalte Nacht Einzug hielt.
… Fortsetzung folgt…
Wie viele Stunden waren vergangen? Wie lange wand sich sein innerstes einer Ratte gleich im Würgegriff der Schlange seines Tribunal des Schicksals? Eilte er, oder schlich er… die Marmorstufen des kühlen, abgedunkelten Treppenhauses hinunter, die Augen zusammenkneifend als er die Pforte zur Freiheit aufstieß? Die Sonne blendete ihn von ihrem höchsten Punkt des Tages entgegen und doch, leuchtete sie ebenso tief über dem Erdenrund, wie sein eigenes Wertempfinden. Er fühlte sich unten.
Und dennoch wehte ihm ein laues Lüftchen um die blasse Nase. Das Eis ist gewichen und im Verlauf der letzten Ewigkeit hat sich ein Tag entwickelt, welcher den Winter für eine weitere kurze Ewigkeit vergessen ließ. Fast frühlingshaft umsäuselte es Alexander, doch die Kälte der vergangenen Worte… die geflunkerten Glück- und Erfolgs- Wünsche… die kräftigen, von Selbstvertrauen strotzenden, Händedrücke… die aufgesetzten Grinsemasken… sein eigenes kühles Lächeln, waren zu mächtig und zu einprägsam, als dass sie es vermocht hätten, jener wachsenden Wärme zu weichen.
Die Gesichter und Worte wirbelten wild vor seinem geistigen Auge umher, die Unwirklichkeit einer Realität, mit der er sich nicht abfinden wollte. Wieder und wieder schüttelte er verneinend den Kopf und immerfort züngelte das Wort “Storys” über den Rand seiner Lippen und entfachte mit jedem Ausatmen zu einer alles vernichtenden Feuerbrunst…. Storys… Geschichten…
… Geschichten…
… Storys…
… Ein solches Hemd trug Dodi Al Fayed, händchen haltend an der Seite von Lady Diana, als er am sommerlich warmen Abend des 31 Augusts 1997, nichts ahnend in das pechschwarze, Verderb bringende Okular des Alma Tunnels unter den Straßen der Hauptstadt der Liebe chauffiert wurde… in der Todesnacht in Paris, welche Milliarden Herzen erschütterte und doppelt so viele Augen zu Tränen rührte… ein solches Hemd ist schwer mit Würde zu tragen, wenn man bedenkt, wie viele Emotionen in den Stoff hinein gewoben wurden…
… oder diese Pantalons aus Nadelcord, welche man durch eingearbeitete Kordeln wahlweise kniehoch oder wadenlang tragen kann. Ein Trend dem schon Napolèon Bonaparte unterlag und in welchem er am 2. Dezember 1804 in der Kathedrale Nortre Dame in Paris, dem Papst Pius dem 7. die Krone aus den Händen nahm, sie sich aufsetzte und sich damit feierlich selbst zum Kaiser machte… was bitte sollte einem Herren von Welt besser stehen? Und welches Kleidungsstück könnte einen kleinen Mann von erhabenerer Größe daherkommen lassen, wenn es nicht diese Hosen sind?…
… Das, so ging es Alexander durch den Kopf, wären wahre Geschichten von echter Größe gewesen. Jene Storys hätten jedes noch so primitive Kleidungsstück aufgewertet und ihre Käufer davon überzeugt es mit Stolz und Freude zu tragen, aber 12,5 Millionen Dollar? Welche Verkäuferin und welcher Käufer hätte noch Freude an den erworbenen und an den Mann gebrachten Waren gehabt, wenn sie nur erahnen könnten, zu welchem unermesslichen Reichtum sie dem Bereitsteller dieser seelenlosen Artikel verhalfen?
Aber weniger war es das, was ihn erzürnte, sondern vielmehr die Tatsache dass er sich und den anderen mal wieder bewiesen hat keinen Arsch in der Hose zu haben… seine Stimme nicht erhoben zu haben, sie nicht laut werden zu lassen, seine Meinung nicht geäußert zu haben. Klein war er… vor den anderen und ins besondere vor sich.
Mehr als ein Nein hätte man ihm nicht entgegenbringen können. Vor was hatte Alexander also Angst?
… Fortsetzung folgt…
… “Und wenn er nicht gestorben ist, so stinkt er noch heute vor ach so glücklich machendem Geld… Harr Harr!”… so ging es in Alexanders Kopfe vor, dessen Blick nun doch wieder im Samt der Crema seines Kaffees erstickte und dessen Lippen nun verschmitzt lächelnd an sich halten mussten, nicht lauthals los zu prusten. Ein Kopfschütteln entglitt ihm und ließ für einen kurzen Moment auch die übrigen Leute im Raum erahnen, was in den Synapsen seiner Hirnwindungen grade vor sich ging.
Er konnte nicht fassen als Ohrenzeuge einer Geschichte da zu sitzen, welche die wichtigsten Aspekte einfach aussparte… ja überflog. Alexander wollte nicht glauben, dass er die Kernaussage der Erzählung einfach im Keime ersticken ließ, in dem der Erzähler sie mit der Pointe erdrückte. Denn wichtig wäre es schon gewesen zu erfahren, in welche fabelhaften Hüllen die Verkäuferinnen ihre Kleidungsstücke verpackten. Denn jene Hüllen waren doch, seinen Worten nach, der Schlüssel zum Erfolg… die Säulen… sie bildeten den seidenen Kokon, aus welchem die Pointe bunt und schillernd hervorbrechen sollte. Hier konnte sie gedeihen, hier wurde sie genährt und durfte in Ruhe wachsen.
Doch 12,5 Millionen waren alles andere als ein Schmetterling der sich verpuppte und sich all die Zeit nahm welche er brauchte. Nein, 12,5 Millionen waren der Schnellstart einer Concorde in den Mainstream der Gesellschaft und in solch einer schnelllebigen Umgebung wäre ein Zitronenfalter mit Jetlag gegen die Schallmauer geprallt und… jämmerlich verendet.
Alexander wusste nicht so recht was er davon halten sollte, ob er nun weinen oder lachen konnte. Obgleich die Kunst, seines Gegenübers, eine Geschichte zu erzählen ihn traurig stimmte, so war die Pointe doch irgendwie ein Lacher. Denn er wusste dass auch 12,5 Millionen vergänglich waren und dem Begünstigten nicht mal mehr ein Schmunzeln abschmeicheln würden, wenn im kommenden Jahr die Ziffern vor dem Komma nicht wenigstens einer 13 gewichen sind und spätestens dann fragt keiner mehr nach Glück, Herzlichkeit und inneren Frieden…
… denn so klein diese Worte auch sein mögen, in einer Spanne von Eins bis einer Million würden sie nie ausreichend Platz finden!
Doch etwas gutes brachten die voran gegangenen Worte mit sich. Sie offenbarten, dem sich immer unwohler fühlenden Alexander, Wahres. Die Wahrheit hinter den Gesichtern der Personen mit denen er an diesem herrlich sonnigen Wintertag einen Raum teilen musste. Denn wenn sich eine Sache in seinem Gedankengut festgefressen hatte, so war es die spürbare Euphorie mit welcher die Zahl über die Lippen des Redners schwang, die vor Spannung und zustimmenden Enthusiasmus leuchtenden Augen des Mannes mit dem “Royal Flush” und die offenen Münder der Anderen, welche mit ihrem Sabber eine schmierige 12,5 auf die Tischplatte vor sich schleimten.
… Fortsetzung folgt…