Was ist Paradox?

Thomas Kleinstück am 1. März 2010 um 10:33

Wenn ein Goethe-Denkmal durch die Bäume schillert.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Thomas Kleinstück am 28. Februar 2010 um 12:05

Nach einem Sechstageritt durch die vergangene Woche, zu dem wohl bemerkt sein muss dass er sich nicht wie ein Ausritt oder eine Spatzierfahrt ins Grüne angefühlt hat, blickte ich gestern Abend verträumt und müde in mein wartendes Bett und freute mich auf jenen heutigen Morgen, an dem ich nicht von dem Gebimmel meines Weckers aus der Molle geschleudert werde, sondern meine Augen sich erst öffnen brauchten als sie sich in der Lage dazu fühlten. Für einen fünfundzwanzig jährigen an einem Samstagabend, ging ich zweifellos ungewöhnlich zeitig zu Bett. Doch meiner Müdigkeit zu urteilen rechnete ich nicht damit vor elf oder zwölf Uhr Mittags wach zu werden. Weit gefehlt und Pustekuchen denn um sieben Uhr dreißig in der Frühe öffneten sich meine Glüsen und protestierten mit einem Krampf gegen das gewaltsame wieder schließen wollen von meiner Seite her. Ich verlor natürlich und damit auch mein innerer Schweinehund und so erhob ich mich und lüftete erst einmal mich und dann die Wohnung.

Der frühe Vogel fängt den Wurm, so sagt man doch und so beschloss ich diesen jungen Tag, wenn der Schweinehund schon einmal vertrieben ist, zu einem Thomastag zu machen und an Stelle das Bett in meinem Zimmer in die energetische Mitte zu schieben, schob ich meinen Körper in ein legeres Trainingsoutfit und kurz darauf meinen Hintern in Richtung Elbe um diesen dort ein wenig über den Asphalt wackeln zu lassen. Bis auf ein paar Übungseinheiten in den eigenen vier Wänden, habe ich insbesondere die Körperliche Ertüchtigung an der frischen Luft in den letzten Monaten arg schleifen lassen. Zumal ich auf Arbeit genug Bewegung habe und grade in Bezug auf das Zurücklegen von mehreren Kilometern mit den Füßen genug ausgelastet bin, habe ich kaum die Notwendigkeit gesehen, meinem Körper auch noch ein paar Strafrunden im Park anzutun… doch lasst euch sagen, ausdauernde Bewegung auf Arbeit und sportliches Engargement in der Wildnis sind zwei paar völlig unterschiedliche Schuhe und auf gar keinen Fall mit einander vergleichbar! Kaum eine Menschenseele war unterwegs und an Luft und Sauerstoff genug vorhanden, doch wie schnell diese weg waren und ich außer Atem war eine niederschmetternde Wahrheit, die sich mir offenbarte als ich noch nicht einmal das Ufer der Elbe erreicht hatte!

Nachdem sich knackend und knirschend meine Gelenke in Bewegung gesetzt haben und sich die ersten porösen Rostpartikel meiner Maschinerie gelöst, war ich nicht davon abgeneigt einfach wieder umzukehren. Aber ich sagte mir “nein Thomas, das ziehst du jetzt durch!” Als Alternative zum Frühsport hätte ich natürlich auch das Öffnen der Sektflasche in Betracht ziehen können, welche zu hause auf meinem Schreibtisch vor sich hin vegetierte. Ein Sekt am Morgen bringt schließlich auch den Kreislauf in schwung, aber Alkohol ist keine Lösung und so lief ich hoffnungsvoll weiter und vertraute darauf das sich mein Motor von selbst wieder regenerieren würde. Meine Strecke die ich wählte war eine alt hergebrachte für mich und sie war nicht zu lang und nicht zu kurz. Genau richtig. Aber dennoch zwang mich ein immer wiederkehrendes Stechen in der Seite zu kleineren Pausen. Natürlich war ich zu keinerlei Hast gezwungen, denn schließlich hatte ich den Tag auf meiner Seite, aber ich weis nicht ob es nun das Stechen in der Leistengegend oder der kalte Wind der mich bremste war, was mir die Tränen in die Augen trieb und die Silhouette der Stadt verschwimmen ließ als hätte ich doch zur Sektflasche gegriffen. Jedenfalls war die Halbzeit auf dem kleinen Hügel im Park des japanischen Palais eine ruhebringende Genugtuung für meine Rennerei und mit der festen Überzeugung, dass ich noch viel vor mir habe um wieder richtig in Gang zu kommen wird es wohl auch nicht das letzte mal gewesen sein, dass ich verschwitzt und außer Atem dort oben auf der einsamen Bank gesessen habe und meine Tagträumereien von den Strömungen der Elbe davon tragen ließ.

Fragen über Fragen…

Thomas Kleinstück am 27. Februar 2010 um 17:55

… Mit jeder Sekunde die verstrich, vertiefte sich die Szenerie vor ihrem Auge und bald sah man sie gedankenverloren auf den steinernen Stufen vor der blauen Haustür zu Merles kleinem Reich sitzen. Ihre Sinne schien sie völlig abgeschaltet zu haben und alles was ihr durch den Kopf ging wand sich wie eine unsichtbare Schlange um den kerzengraden Weg ihres Blickes und verwob sich mit den Menschen und ihrer Stadt. Der Straßenzug vor ihr begann zu verschwimmen und die vorüberwandelnden Leute schienen zu schweben. Sie waren nur noch als Fassetten zu vernehmen und verwischten und verloren sich in aufsteigenden Kondensstreifen. Kapo und seine Bewohner gingen eine skurrile Symbiose miteinander ein. Ein lauter werdendes Summen drängte sich von rechts nach links ins Bild und Tamalas Tagträumereien wurden von einem breiten grünen Streifen zerteilt. “Sssssssss… sooo…!”, so wie die Straßenbahn sich näherte und vor dem Bahnhalteschild zum Stillstand kam, meldete sich auch Ravel wieder zurück, der mit Worten auf den Lippen die Treppe herunter kam und plötzlich hinter Tamala im Türrahmen stand. “So! Alles wieder beim alten. Als währen wir nie hier gewesen!” Ravel kam nicht drumherum zu bemerken dass Tamala völlig vertieft vor ihm kauerte und seine Wiederkehr scheinbar nicht für voll nahm. Sie drehte leicht ihren Kopf zur Seite und mit dem Blick auf das Terracottatöpfchen gerichtet, welches neben ihr auf den Stufen stand, sagte sie nüchtern: ” Sind wir das?”

Ravel setzte sich neben sie, legte eine Hand auf ihr Knie und suchte mit seinen Augen die Aufmerksamkeit des Mädchens zu erhaschen. ” Hey… alles in Ordnung mit dir?”, er machte eine kurze Pause, ” … Ich weis dass wir letzte Nacht so gut wie kein Auge zugetan haben… und dass es schwer fällt einen klaren Kopf zu behalten, wir sind geschafft und… dass was eben passiert ist, trägt gewiss nicht zu einer Besserung der Umstände bei. Du bist bestimmt knülle… doch… es ist doch auch aufregend, oder?”, fuhr er mit einfühlsamen Tonfall fort. ” Was ist denn daran aufregend? Was bitte soll daran erbaulich sein, dass wir anfangen alles um uns herum in Frage zu stellen? Warum überhaupt? Warum grade jetzt? Wir hätten es schon vor einer Woche oder vor einem Jahr tun können. Aber wir taten es nicht. Wir haben in ihr gelebt und wir haben mit ihr gelebt und das, wenn du mich fragst, niemals schlecht. Ok, vielleicht auch nicht besonders gut, aber dennoch habe ich mich immer wohl gefühlt und nie einen Gedanken daran verschwendet dass Kapo in irgend einer Weise nicht korrekt ist. Auf einmal tun wir Dinge, welche wir früher nie getan hätten. Warum auch? Wir haben nie einen Grund dafür gesehen irgend welchen fragwürdigen nächtlichen Vorgängen auf den Straßen Kapos nachzuschleichen. Nie hätten wir einen Grund dafür gehabt das Schlafzimmer von Merle, während ihrer Abwesenheit, auf den Kopf zu stellen. Nun gut, bis jetzt hatte Merle uns auch noch nicht mit ihrer Abwesenheit verblüfft, aber verstehst du was ich meine? Was wollen wir denn damit erreichen? Ich meine wir stöbern überall herum und alles was wir finden sind nur noch mehr Fragen. Wobei sich mir die Frage stellt, wo wollen wir eigentlich hin? Was machen wir hier? Wollen wir uns mit einer Stadt verfeinden, welche uns stets leben ließ und beherbergt hat und welche wir aus freien Stücken unsere Heimat nennen?” Tamala atmete tief ein und schloss die Augen um wieder auszuatmen. Sie wurde mit jedem Satz den sie sagte schneller und euphorischer. Sie steigerte sich so sehr in ihre Rede hinein, dass Ravel darüber nachdachte, ob dieses Mädchen neben ihm wirklich jenes Mädchen war, welches vor ein paar Minuten noch reglos auf den Dielen vor Merles Bett gelegen hat. Fragend schaute er sie an und fragend ließ er seinen Blick in Richtung der Straßenbahn schweifen…

Es ist der Frühling!

Thomas Kleinstück am 25. Februar 2010 um 18:04

An Tür und Fenster klopft es an, ich bitte freundlich herein und lass mich von lauen Wogen umgarnen, umsäuseln von herrlichem Vogelgesang. Welch milder Gesell mag das sein?

Aus künstlich Tag trat ich heut hervor und kniff die Augen zusammen, mit heiteren Stimmen drang er mir ans Ohr und lau, strich er mir über die Wangen.

Er war mir bekannt, doch die Erinnerung blass und dennoch lies ich es zu, dass er auf Schritt und Tritt hinter mir stand, welch schöner Begleiter bist du?

Die Welt steht heut still und atmet tief ein und suhlt sich mit samt ihrem Volke, im ersten warmen Sonnenschein, in einer weichen kuschligen Wolke.

Des Winters erster, von drei Verwandten, meldet sich wieder zurück und formt die Welt heut ohne Ecken und Kanten und gibt ihr ein Lächeln zurück.

Ein Funken der Hoffnung schürt verschämtes Gekicher und bringt die ersehnte Wende. Es ist der Frühling! Da bin ich mir sicher! Der dunklen Tage Ende.

thomas kleinstück, 25.02.2010

Emotionsloses Volk…

Thomas Kleinstück am 23. Februar 2010 um 19:27

… Doch es gab noch mehr zu sehen, was sich ihrem achtsamen Blicken nicht entzog. Ein gelbes Schild mit einem grünen “H” darauf verriet ihr, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Bahnhaltestelle befand. Ein Ehepaar schritt Hand in Hand darunter entlang und blieb vor dem Schaufenster des Geschäftes stehen. Sie musterten kurz und systematisch von oben nach unten die darin angepriesenen Artikel. Ihre Kopfbewegungen verrieten es. Die Frau trug einen langen, taillierten, fuchsroten Mantel und auf dem Kopf einen winzigen, runden, zur Seite abfallenden Hut, der die selbe Farbe des Mantels hatte. Ihr langes, glattes, schwarzes Haar war zu einem strengen Zopf zusammen geflochten und den Hals trug sie einen champangerfarbenen Seidenschal, der wohl mehr zur Zierde diente als vor der Kälte zu schützen. Zumal es die Temperaturen zuließen auf ein solches Accessoire gänzlich zu verzichten. Unter ihrem Mantel sah man ihre farblich zum Schal abgestimmten Stiefel und sie wusste in jenen hochhackigen Exemplaren beim laufen eine gute Figur zu machen. Ihr Mann war eben so stilsicher gekleidet und trug neben Stock und Melone einen tadellosen braunen Anzug. Er war schlank und groß und sein Schnauzbart war akkurat geschnitten. Zweifellos mussten diese beiden Herrschaften einem guten Hause entstammen, denn auch ihre Schuhe waren blank geputzt und dies, so sagte man, war ein Zeichen für Ordnung und gute Erziehung.

So wie sie dem Schaufenster überdrüssig wurden, wendeten sie sich wieder der Straße zu und folgten ihrer Wege. Ihre Münder bewegten sich nicht und so schloss Tamala darauf, das sie wohl kein Wort wechselten, oder sich nicht viel zu sagen haben. Ihre Blicke waren stur geradeaus gerichtet und in ihren Gesichtern war keinerlei Ausdruck, keine Regung, kein Lächeln. Fast bekam man den Eindruck dass sie nicht einmal atmeten. Sie schauten weder nach links noch nach rechts und auch wenn sie noch so gut gekleidet waren, sie hoben sich in keinem Punkt von der Masse der Menschen in Kapo ab. Schräg gegenüber von Merles Haus war der Häuserblock zu Ende. Ein kleiner Friedhof, doch keine Kirche, bettete sich zwischen die Schluchten der Blöcke. Sie zählte vierundzwanzig, kreuzförmige Grabsteine und ein fünfundzwanzigster schien so eben hinzu zu kommen. Under den langen, fast bis zum Boden reichenden, Ästen einer Trauerweide versammelte sich eine kleine Traube von Menschen. Wer wurde wohl zu Grabe getragen? Um was oder wen trauern diese Menschen? Das Grab schien schon verschlossen und so standen die Leute lediglich um einen grauen Stein auf grünem Grund, der daran erinnern soll, wie es war, als jene Person noch unter den Lebenden weilte. Tamala konnte jenes Gefühl des Bedauerns oder Trauerns nicht nachvollziehen, denn bis Dato hatte sie von noch niemanden Abschied nehmen müssen, der ihr in irgend einer Weise nahe stand oder am Herzen lag. Doch den Gesichtern der kleinen Gruppe stand nichts zu Gesicht geschrieben. Sie konnte nicht deuten ob es Angehörige oder Verwandte waren. Sie konnte unmöglich erkennen ob eine Witwe oder ein Witwer, oder gar eine Mutter unter den Personen war welche ihr Kind verabschieden musste. Die Gesichter waren fahl. Keiner weinte, keiner lachte… warum sollten sie auch lachen? Gäbe es denn irgendeinen Grund mit Freude behaftet einen Friedhof zu betreten? Doch weshalb sich jene Gruppe unter der Weide versammelte blieb für Tamala genauso rätselhaft, denn von Emotionen war keine Spur und lediglich das Schwarz, welches sich durchgängig in der Anzugsordnung wiederfand war ein Hinweis darauf, das es sich wohl um eine Beerdigung handeln musste.

Was für seltsame, emotionslose Wesen waren das, die diese auf einmal befremdliche Stadt bevölkerten? Ob sie nun spatzieren gehen, oder einen Verlust zu bedauern haben sei einerlei, denn von Gefühlen war keine Spur. Tamala versank immer mehr in ihre Gedanken und die Fragen in ihrem Kopf schienen sich zu unbezwingbaren Gebirgen aufzutürmen und plötzlich fühlte sie eine große Einsamkeit und Unzugehörigkeit, in einer Stadt, die doch ihre Heimat war…