Märzenbecher überall im Flussdurchzogenen Polenztal

Die ersten Sonnenstrahlen des Jahres wecken die Lust an der frischen, klaaren Luft und locken unweigerlich nach draußen. Auch wenn die Sonne sich doch eher betteln ließ, so erreichte uns trotzdem der Ruf der Wildniss und ebnete den Weg für die erste Wanderung in diesem Jahr. So wie wir es lieben. Der frühe Vogel fängt den Wurm, so sagt man doch, und so beschehrte mir das zeitige Erwachen einen sonnigen Start in den Tag und eine Hand voll wohlfärbender Pikmente für ein gesundes Äußeres. Wir verabredeten uns für elf Uhr am Vormittag und pünktlich wie die Maurer standen meine Eltern klingelnd und wartend, unten vor der Haustür. Ich habe an diesem Tage schon ein paar Dinge erledigt. So habe ich wie schon erwähnt einen kleinen Spatziergang an der Elbe getan, um meine Knochen und Muskeln auf das bevorstehende einzustimmen. Ich habe außerdem ein wenig Wegproviant eingeholt um die Möglichkeit für ein Picknick einzuräumen, denn ein Tag im freien regt den Appetit an, das ist wohl bekannt. Des weiteren habe ich das Bild der Èdith Piaf in aller herrgotts Frühe fertiggestellt. Ich konnte es kaum erwarten. So gewappnet und vorbereitet war ich natürlich bereits fertig als es klingelte und unser kleines Vorhaben konnte losgehen.

Die sächsische Schweiz war das Ziel unserer Autofahrt und eine ihrer unzähligen Wanderwege und Sehenswürdigkeiten sollte die Schatzkammer für unsere Entdeckungen sein. Auch wenn wir so oft dort gewesen sind, so haben wir noch längst nicht alles gesehen, was die sächsische Schweiz zum angucken bereit hält. Der März ist ein Frühlingsmonat und wartet mit Frühblühern der unterschiedlichsten Sorten auf, vielfälltig und wunderschön. Was liegt also näher als sich dem Reiz der Märzenbecherwiesen im Polenztal hinzugeben? So nahmen wir es uns vor und so taten wir es auch und bald sah man uns drei… meine Eltern und mich… in Tälern, auf Anhöhen, in Wäldern und auf Wiesen, zwischen Bächen, Steinen, auf schlammigen Wegen, neben einem Dutzend weiterer frohgemühtiger Wandersleute und zwischen hunderten, wenn nicht sogar tausenden, Märzenbechern das milde Wetter und die Natur genießen. Es war nicht grade die längste Wanderrute, aber sie war genau richtig um uns die Frühjahrsmüdigkeit aus den Knochen zu treiben. Wir wollten ja nichts überstürzen. Ein kurvenreich geschlängelter Fluss tanzte närrisch neben uns her und besang mal sanft und mal wild, aber immer in Begleitung von weißen, im Winde fließenden Bändern, unseren Weg. Große, weitflächige, offene Lichtungen wechselten sich großzügig mit engen, steinigen, von Wurzeln durchzogenen, schlammigen Faden ab die sich tückisch zwischen den Bäumen an den Hängen und Ufern entlangwindeten, und boten Platz zum Verschnaufen, zum Durchatmen und zum Picknicken!

Wir suchten uns ein wunderbares Plätzchen auf einer großen Wiese, welche von einem großen und einem kleinen Wasserlauf durchzogen wurde und in deren Mitte ein großer, einsamer, kahler, knöcheriger Baum stand. Wir ließen uns nieder und beobachteten noch kurz die vorbeiziehenden Menschen. Die Wiese war in einen Ton gefärbt, welcher der Farbe von Stroh änlich war. Man hatte das Gefühl als wäre der Sommer hier eben erst vorrüber und die letzten Mücken spielten hecktisch in der Luft. Dabei waren es die ersten. Wir setzten uns dort wo die Zweige der traurigen Fichten fast den Boden berührten und packten aus was unsere Rucksäcke an Schätzen verbargen. Wir hatten reichlich eingepackt. Von Seiten der Eltern kam Kaffee, Marmorkuchen und Bananen und ich konnte Blätterteigtaschen mit Apfelfüllung bieten. Wir aßen und tranken und waren glücklich. Der Kaffee schmeckte eigenartig. Das viel zunächst dem Vater auf und als nächstes mir und Mutti lieferte prompt auch noch eine Erklährung dafür. Ich persönlich dachte mir nichts weiter dabei, denn ich bin der Überzeugung wenn Kaffee gebrüht wurde und ein bis zwei Stunden in eine Termokanne gesperrt wurde und einmal halb Sachsen durchquert, hat er durchaus das Recht komisch zu schmecken. Dieser hier roch beim zweiten Nippen aber auch noch seltsam und Mutti sagt das liegt am Tee. Das war sogar einleuchtend. Da Mutti des öffteren Tee in der Kanne transportierte hatte jene mit dem etherischen Trunk schon eine Art Verbindung aufgenommen. Sie sind eine Liaison eingegangen wenn man so möchte. Der Kaffee nahm also zunehmend die Eigenschaften von Tee an und seine Inhaltsstoffe sorgten für lustige Gemühter. Mutter versuchte uns zumindest glaubend zu machen, dass jenes Getränk nach Geheimrezept gebraut wurde und Geruch und Geschmack sprachen dahingehend Bände. Irgendetwas muss tatsächlich drin gewesen sein, denn während unserer Pause bekamen wir fast Bauchschmerzen vor lachen und rumalbern. Schön wars!

Die Lichtung auf der wir pausierten glich den anderen. Nur war diese hier größer und den Weg durfte man verlassen. Das war nämlich fast überall untersagt um die Ruhe der schlafenden Märzenbecher nicht zu stören. Diese waren im übrigen viel größer und wirkten dadurch gesünder als jene die man in den heimischen Gärten antraf, wenn man sie dort antraf. Ihre weit geöfneten Blüten sahen aus wie Lampenschirme von altmodischen Stehlampen mit grünem Gestänge. Die Ränder der Glocken waren gewölbt und an den Spitzen, wo die Bögen zusammenliefen saßen kleine sonnenblumenfarbene Perlen und drohten zu Boden zu stürzen. Hinter jeder Biegung die der Fluss machte und hinter jeder Bergspitze die im Tal zu Boden ging und gemächlich ins Wasser tauchte erstreckte sich eine neue kleine Ebene und ein neuer matschiger Weg, der dazu einlud die grade erst erworbenen Pradaschühchen einzulaufen, wie es einige der entgegenkommenden Passanten taten. Festes Schuhwerk ist ein muss, in sofern man nicht die Sommermonate wählt um hier her einen Ausflug zu starten. Doch dann sollte man nicht damit rechnen der Pracht der Märzenbecher zu begegnen.

So ein Tag an der Luft macht müde, aber ist unheimlich toll und ich genieße das sehr. So ging ich am Abend, wieder in der Enge der Stadt angekommen, noch einmal an die Elbe und ließ den Tag und das Wochenende mit ihrem wohltuenden Dahinschweben ausklingen. Ich ahnte noch nicht was mich in der Nacht ereilen würde. Ich bemerkte ihn noch nicht, den Dunkelelf, der sich während unseres Picknicks an meine Färsen geheftet haben muss und in der Nacht damit beginnen würde sein gemeines Werk zu tun. Man sagt dieses kleine Volk lebt unter der Erde und schon ein Hauch von ihnen kann einen Menschen krank machen. Ich weis nicht wie ich zu ihm kam, aber wahrscheinlich habe ich auf unserer Wanderung einen Feenmarkt überquert und er sollte meine Rache sein.

Es sollte aber den Gesamteindruck des Tages nicht trüben und zweifelsohne war es ein sehr schöner und gelungener Auftakt für die bevorstehende Wandersaison. Dankeschön!

Ein Kommentar zu “Märzenbecher überall im Flussdurchzogenen Polenztal”

  1. Danny

    Es muss Frühling sein ;-)

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