Martin Eder “Der Dunkle Grund”
Zur Zeit kann man in der Kunsthalle im Lipsiusbau auf der Brühlschen Terrasse eine Einzelausstellung des berliner Künstlers Martin Eder besuchen. Er wurde 1968 in Augsburg geboren und studierte von 1996 bis 2001 an der Hochschule für bildende Künste hier in Dresden. Seine Meisterschule verbrachte er bei Prof. Bosslet und nun lebt und arbeitet er in Berlin und seine Gemälde bereichern zahlreiche Ausstellungen Welt weit. Bis zum 26. April kann man seine Zusammenstellung unter dem Motto “Der Dunkle Grund” noch besuchen und gegebenen Falls bewundern. Ich tat es gestern um ein wenig von der langen Woche weg zu kommen, etwas Ruhe zu finden und das Wetter lud allemal dazu ein das Haus zu verlassen.
Der Hauptflur ist offen und weiträumig und hell. Zu meiner linken führt mich eine Treppe hinauf zu einer Gallerie welche durch das Glasdach lichtdurchflutet ist. Man steigt hinauf und betritt den Himmel, so scheint es. Die Bilder hier oben wirken auf den ersten Blick vertraut und fast schon idyllisch. Erst bei näherem betrachten offenbaren sie ihre Fehler, ihre schrecklichen Geheimnisse, Schwächen die von den dargestellten Personen verkörpert werden und nach denen man regelrecht sucht, da man in der Haupthalle schon auf das Schlimmste gefasst gemacht wird. Zu meiner Rechten tauche ich ein in die Finsternis und steige dann auf in die absolute Dunkelheit. Meine Erwartungen gehen ins Abnormale und ich suche nicht groß sondern finde fast nur. Man verliert sich so würde ich sagen. Man stellt sich vor die Gemälde und betrachtet sie verträumt, fast wie in Trance. Pausenlos stellt man sich neue Fragen. Wie Schön? Wie Skurril? Wie Ekelig? Was tun sie? Was denken sie? Man betritt Traumwelten, Gegensätze die aus Helligkeit und Dunkelheit erzeugt und verstärkt werden. Wo Schatten sind da muss es auch Licht geben. Ich habe das Gefühl wenn ich morgens Aufwache und ich würde noch ein klares Bild meiner Träume im Kopf haben und diese zu Papier bringen, dann würden eben solche Bilder entstehen. Sureal und doch mit einem Hauch von Wahrheit, ich stand nicht einfach nur vor den Bildern, ich betrat regelrecht diese uneinladenden Welten und suchte nach den kleinen Details, welche einen Zusammenhang zwischen den Menschen, den Tieren und den Schauplätzen bildeten. Seine darstellungen, meist Frauen, meist nackt, sind provokant und verkörpern unperfektheit und sexuelle Fantasien. Zwischendurch wird das Gemüt abgekühlt durch Portraits von Katzen mit speziellen Mimiken und Gestiken. Von ihnen behauptet man es würde sich bei den Tierdarstellungen, insbesondere denen der Katzen, um Geheime Selbstportraits des Künstlers handeln und mit ihnen verkörpert er Gemütszustände, welche die Gesichter perfekt verdeutlichen. Ja die Mietzen sind des öfteren fast schon knuffig.
Doch gefesselt wurde ich natürlich von anderen Bildern. Fragwürdigere Darstellungen die einen Gefangen halten und das taten sie nicht ohne Grund. Eines meiner Lieblinge, wenn nicht gar für mich das schönste, war das Bild “Secret”. Das Portrait einer jungen Frau, einer Lolita. Es ist nicht erkenntlich welchem alters sie ist, doch ihr Blick ist sinnlich und verführerrisch, ihre roten vollen Lippen sind lasziv geöffnet und ihr braunes wallendes Haar ist durch zwei weiße flauschige Plüschbänder zu Zöpfen unterteilt und werden scheinbar durch einen Tanz, oder eine Kür bewegt. Ich weiß nicht was sie tat aber ihr Körper schien in Bewegung und das was sie machte, vollführte sie nur für mich.
Ein weiteres Bild fand ich im, von mir selbst so bezeichneten, Himmel. Eine junge, brünette, nackte Frau steht vor einem von Gewittern bewegten Himmel. Ihr Haar wird vom Wind zerzaust und umrandet ihr blasses Gesicht wie eine wilde Löwenmähne. Sie verschränkt ihre Arme vor ihrem bleichen Körper und vor ihrer hängenden Brust als möchte sie sich bedecken um etwas zu verbergen. Auf den ersten Blick sinnlich, wirkt das Gemälde mit dem fragwürdigen Titel “Herbst” und auf den zweiten Blick erkennt man die markant hervortretenden Beckenknochen, betonten Gelenke und das eingefallene Gesicht. Links und rechts von ihr fällt jeweils ein Blatt zu Boden und zu Füßen dieser magersüchtigen Person.
“Im Grenzenlosen” steht eine schlanke Schönheit in zweifelloser Erwartungsstellung. Sie ist nur mit zwei roten Kniestrümpfen und einem roten Rock bekleidet, ihre Brüste sind klein und Spitz, aber fraulich und schön. Sie kniet auf einem Bett und beugt sich vorn über, den Rock um die Taille gelegt und erwartet die anale Begattung, welche von zwei übergroßen Flöhen mit langen, glühend rot, erigierten Saugrüsseln vollzogen werden soll. Derartige Bilder sind das Hauptaugenmerk dieser Ausstellung. Bilder die zum Nachdenken anregen. Bilder die eine Szene, ja vielleicht einen ganzen Film im Kopf entstehen lassen. Warum ich dieses Bild eben beschrieben habe hat aber einen anderen Grund. Zum einen soll es verdeutlichen was ich meine, wenn ich sage, wie schön, wie skurril, wie ekelig und zum anderen viel mir diese Frau auf einem der anderen Bilder schon einmal auf und jenes habe ich am längsten und innigsten betrachtet. Ich habe es quasi leergeguckt. “Die Vorstellung” zeigt eben diese Frau, in eben diesen roten Kniestrümpfen und eben diesem roten Rock, sitzend auf der Kante eines Bettes, welches sich außerhalb des Bildes befindet… man sieht also nur die kleine Ecke… und sie schaut verträumt und nachdenklich in die Augen einer riesigen Schlange welche unter dem Bett hervorkommt. Was tut sie da? Was tat sie da? Worüber denkt sie nach? Ist die Schlange eine Verkörperung von sexueller Lust? Soll sie die Sehnsucht nach berührung und das Verlangen nach fleischlicher Begierde darstellen? Fühlt die Frau sich einsam? Oder liegt auf dem Teil des Bettes, welchen man nicht sieht, ein benutzter Liebhaber, ein Mann, ein Spielzeug, etwas was sie begehrte, verzehrte und nun nicht mehr will? Schaut sie in die Augen einer Schlange, in die gespaltene Zunge und die Falschheit? Ist die Schlange ein Spiegelbild ihrer selbst?
Anregend und Aufregend empfand ich seine Werke und zuweilen wunderschön. Wer also lust am gucken, wundern und nachdenken hat der kann gerne die fünf Euro investieren ohne es zu bereuen, meinen Seegen hat er und die Ausstellung dieses großartigen Mannes auch.