Hallo von einem Engelchen
Mein Platz auf der weißen Bank wurde hell erläuchtet und leicht gewärmt von den kräftigen Strahlen der tiefstehenden Septembersonne. Auf dem Wege erbebten über mir die dichten Baumkronen der Kastanien und bewarfen mich mit ihren glänzend braunen Früchten. Ich hob ein Paar auf und bewegte sie in meiner Hand durcheinander. Hier und da verlor ich eine, an anderer Stelle fand ich eine dazu. Es waren immer drei an der Zahl, welche ich auf meiner Bank neben mich in eine Reihe legte. Immer wieder während ich las ging mein Blick zu den Kastanien, die glänzend in der Sonne lagen. Ihnen tat die Wärme auf den Wangen gut, genau wie mir. Ich bemerkte kaum die Leute die an mir vorbei eilten. Den Schritten nach zu urteilen waren es heute wohl sehr viele die den Weg an die Elbe suchten. Der Tag war wie gemacht dafür. Irgendwann bemerkte ich, das ein paar Schritte auf mich zu kamen und unmittelbar vor mir zur Ruhe kamen. Ich blickte in die Augen eines bildschönen jungen mannes. Seine Augen waren groß und aufgeschlossen und seine Haut war blass und rein. Er war sicher grade erst fünf, höchstens sechs Jahre jung. Er sagte “Hallo”. Ich erwiederte sein Hallo mit eben dem selben Wort. Er war sehr freundlich, wie ich fand. Er stand vor meinen Kastanien und betrachtete sie eingängig. Dann fragte er höflich ob er sich eine meiner Kastanien ausborgen dürfte. Die Sonne, welche hinter ihm stand hatte eben genau die richtige Höhe um aus den blonden Locken, die sein Gesicht umschmeichelten einen Heiligenschein zu basteln. Er sah aus wie ein leibhaftiger Engel. Ich lächelte und stimmte mit einem Nicken seiner Bitte zu. Erst dann nahm er sich eine der Kastanien weg und sagte “Danke”. Seine Familie und er gingen weiter ihrer Wege. Ich sah sie später noch unter dem selben Kastanienbaum nach eben diesen kleinen braunen Dingern suchen, an welchem ich schon meine drei Herbstzeugen gefunden habe. Der Engel war nicht zu sehen, aber sein kleinerer Bruder. Ein kniehoher Wonneproppen mit einer laufenden Stupsnase und Pausbäckchen, die von der frischen Herbstluft leicht errötet waren. Er stand da mit seinem Roller und schaute mich an und sagte “Hallo”. Wieder lies ich ein sachtes Hallo verlauten und schickte ein Lächeln mit. Ein lächeln welches mich von da an den ganzen Tag begleitete.