Ein noch nie gesehener Gegenstand

… Ravel legte den Kopf auf Tamalas Schulter und schnaufte erschöpft. ” Na Toll! So eine blöde Kiste schaft es mich einzuschüchtern. Wahrscheinlich ist sie mit einem Zauber belegt. Ich habe es schon immer gewusst…” ” Merle ist doch keine Hexe!”, fiel ihm Tamala ins Wort. “… und wie erklärst du dann meine krabbelnden, geröteten Augen? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!” ” Hexen und Zauberei gibt es nicht, das weist du. Hättest du eher deinen Verstand eingesetzt und nicht wie wild auf die Truhe eingehämmert, dann wärst du jetzt noch besser bei kräften. In deinem Zustand schaffst du es wahrscheinlich nicht einmal mehr diesen Schlüssel hier zu bewegen…”, mit diesen Worten öffnete Tamala ihre Handfläche und gab für Ravel den Blick auf ihr Fundstück frei. ” Willst du mich verarschen!? Wie lange lässt du mich schon mit diesem alten Stück Holz kämpfen?”, nörgelte Ravel. ” Lange genug um es zu genießen!”, entgegnete Tamala über den Dingen stehend. ” Jetzt mach schon und steck ihn rein. Ich platze vor Neugier!”, drängelte sie ihn. Ravel nahm den Schlüssel und ließ ihn sachte ins Loch gleiten. Es wäre ja nicht der erste, welcher an dieser Truhe zu Bruch gehen würde. Er drehte ihn behutsam nach links und mit einem schnalzen, sprang der Deckel der Holzkiste auf.

Ein quarderförmiges, in Zeitungspapier eingewickeltes Päckchen kam zum Vorschein. Tamala nahm es heraus und begann es auszuwickeln. Es war in eine Tageszeitung aus längst vergangener Zeit eingewickelt und langsam nahmen Tamalas Hände die Farbe der Druckerschwärze an. Sie legte das abgewickelte Papier beiseite und begutachtete mit offenem Mund den Gegenstand, welcher sich darin verbarg. Sie strich über die samtige Oberfläche und warf einen flüchtigen Blick zu Ravel. ” Hast du eine Ahnung was…”, “… das sein könnte?”, vollendete Ravel ihren Satz, der genauso skeptisch und überfordert das Ding in ihren Händen betrachtete. “Schlag es doch mal auf.”, sagte Ravel. Sie legte den ockerfarbenen Deckel um und blätterte ein wenig darin. Ravel versuchte sich das niesen zu verkneifen und eine dicke Träne kullerte seine Wangen hinunter. ” Sieht fast so aus wie eine Zeitung, nur Dicker und schwerer und scheinbar nicht gedruckt.”, stellte Tamala fest. ” Wenn das überhaupt eine Art Schrift dartstellen soll, das kann doch kein Mensch lesen!”, wunderte sich Ravel, ” Bis auf die Zahlen, ganz unten. Siehst du?” Schnell blätterten sie die teilweise eingerissenen Blätter durch. Sie waren leicht gelblich und die Schrift, wenn es denn eine sein sollte, war stellenweise verwischt und hier und da gar nicht mehr erkennbar. Ravel wollte den Gegenstand an sich nehmen und griff danach. Doch im gleichen Atemzug zog er die Hand wieder zurück und steckte sich den Zeigefinger in den Mund, ” Autsch, verdammt! Ich hab mich geschnitten!” Die Kanten der Blätter waren mit Gold versehen und so scharf wie eine Rasierklinge. ” Ein wunder das du dir noch nichts gebrochen hast, bei der Hektig die du immer verbreitest…”, fuhr Tamala ihn an. Sie deutete mit einem Kopfnicken auf die kleine Truhe und legte das Ding erst einmal bei Seite, ” Schau in die Truhe Ravel, dort ist noch etwas.”…

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