Ein langer Winter
Wie lange es noch so weiter gehen soll, konnte er nicht sagen. Er hat aufgehört die Minuten, Stunden, die Tage zu zählen. Einst war er zuversichtlich, er hielt sich für stark, er hielt sich für souverain, er tat seine Sache gut und wollte selbstbewusst wirken. Das tat er auch. Schließlich hatte er all die anderen auch erfolgreich hinter sich gebracht und immer wieder kam ein neuer Frühling. Die vergangenen Winter waren kurz und sie waren mild. Sie waren nicht von dauer und die ersten Frühblüher erblikten zeitig das Licht der Sonne.
Dieser Winter war anders. Ungewohnt kalt und aufdringlich lange hielt er sich auf. Ein wirkliches Ende war noch nicht in Sicht. Es ging aber auch alles viel zu schnell, damals als die Nächte wieder kürzer wurden. Zu viele Fragen füllten einen Raum, welcher verlassen dastand. Beide Türen haben sich geschlossen und die Stille legte sich nieder und ein leises Gebet wurde von der Feder des Schiksals an die Wände geschrieben, versiegelt, verbannt, in Vergessenheit geraten.
Nie interessierte sich irgendwer dafür. Niemals wurden Fragen gestellt, er wurde stehts in Ruhe gelassen. In den Arm wurde er genommen wenn es nötig war und wenn er es brauchte. Auch dieses mal wusste er um die Hilfe der anderen, aber dennoch war es kommplett anders als sonst. Die erste Zeit war einfach, denn er wusste das Richtige getan zu haben. Zu gehen und die Tür hinter sich zu schließen. Gut fühlte er sich, fast schon erleichtert. Doch vor den Augen seiner engsten Vertrauten blieben seine Lippen vorerst zugeschnürt. Es dauerte eine weile und er begann es ganz beiläufig zu erwähnen und selbst seiner Mutter sagte er es erst nach ein paar Wochen, unter Tränen. Er hatte Angst. Nicht der Person wegen, nein, er wollte nicht in den Trott zurückverfallen in dem er einst schon einmal steckte. Die vergangene Zeit hat gut getan und er ist erblüht und er erkannte sich oft selbst nicht wieder. Das wollte er nicht mehr verlieren. Doch die Mitmenschen waren rücksichtslos. Woher sollten sie es denn auch wissen. Immer wieder viel sein Name. Sie sprachen ihn drauf an. Sie schauten ihm dabei ins Gesicht und die Direktheit ihrer Worte traf ihn jedes mal wie ein Blitz. Unverhofft kam es und so gezielt. Als würden sie nur auf die Reaktion warten, um eine schwache Stelle zu finden. Hinzu kam der Alltag. Schwer fiel es ihm, die Dinge die er tat nur noch für sich zu tun und selbst für jemand anderen wäre es noch undenkbar gewesen, zu früh. An jeder Ecke lauerte ein Gedanke und ein Bild und sprangen aus seinem Gedächtniss zurück ins Leben. Sicher gab es auch Tage an denen er sich nicht ein einziges mal fragte wie es dem anderen wohl geht, aber grade an denen beschloss garantiert irgend ein unsensibler Mitbürger sich nach ihm zu erkundigen. Er senkte den Kopf und gab zu erkennen das alles in Ordnung wäre und das Thema Geschichte ist. Er ahnte warum er den Kopf senkte und er ahnte warum er nur zu knapp auf diese Fragen antwortete. Er wich aus.
Lange hat er sich damit rumgeschlagen und lange hat er versucht dem Gedanken keine Oberhand zu geben und lange hat er sich erfolgreich eingeredet, es ginge ihm gut. Aber dennoch war es sowohl morgens als auch abends das selbe, sinnlose Spiel. Er beschloss auf seine ganz eigene Art und Weise das Problem anzupacken. Konfrontation. Mit Absicht erinnerte er sich an alle Momente. Mit Absicht machte er alles was er damals auch tat. Mit Absicht ging er spatzieren und verharte an der Stelle, für mehrere Stunden, an der sein Blick die Säulen aus Lawa erfassen konnte. Er quälte sich mit vollem Bewusstsein in der Hoffnung, der See aus Tränen, der sich in ihm verbarg, würde sich auf diese Weise irgendwann einmal leeren. Er beschloss sich verstärkt auf die Arbeit zu konzentrieren, mit Erfolg. Er nahm sich selbst ein wenig ernster. Er vermied es sich gehen zu lassen, das wäre das Schlimmste gewesen was er hätte tun können. Doch die Tage der Ruhe ließen nicht lange auf sich warten und so fern der Gedanke zwischenzeitlich gerückt ist, so rasend schnell war er auch wieder da. Heftiger und schlimmer als je zu vor.
Eine Achterbahnfahrt der Gefühle begann. Ein paar Tage lang, trug er Tränen in den Augen, dann folgte die Leere, dann kam die Hoffnung. Er legte das Symbol an und hatte das Gefühl alles wäre gut. Dann kamen die Zweifel und ihr folgten die Tränen und das Symbol verschwand wieder und die Leere machte sich erneut breit. Es drückte unendlich stark auf seiner Brust und er wusste, er konnte und wollte es niemandem Sagen. Denn damit würde keiner rechnen. Schon garnicht jetzt, wo es so lange schon her war und er doch immer so im Einklang wirkte.
Er weis nicht ob ihnen das dumme Grinsen aufgefallen war, er lachte quasi ständig und ein kichern begleitete ihn, welches ihm selbst schon komisch vorkam. Jetzt verlor er sich. Und er schwieg erst recht. Er hörte auf die Tapsen im Schnee zu zählen, er nahm sie hin und wartete auf den lang ersehnten Frühling. Denn er hoffte dass das erste Schneeglöckchen und der erste warme Sonnenstrahl nach einem langen Winter, das schönste Schneeglöckchen und der wärmste Strahl sein mussten und es blieb ihm sich darauf zu freuen. Ganz still.