Ein einsames Häuschen

… Der Garten wirkte fad und dumpf und die Stämme der Bäume mit samt ihren Wipfeln wurden nicht von dem angenehmen blauen Schimmer begleitet wie sonst. Alles erstreckte sich grau in grau vor Ravel und Tamalas Füßen und selbst die morsche kleine Treppe, welche auf den unebenen Pflasterweg des Gartens führte vermochte beim betreten kein Geräusch von sich zu geben. So alt und blass die Erscheinung der alten Frau auf ihrem Kissen am Rande des Brunnens auch wirken mag, ohne sie an diesem, fast magisch wirkenden, Ort, ist alles trostlos und von Einsamkeit begleitet. Die beiden Kinder gingen zurück ins Haus und schlossen vorbildlich die Tür hinter sich. Wollten sie doch alles so verlassen, wie sie es vorgefunden haben. Als sie auf dem Wege zur Vordertür an der alten Holztreppe, welche ins Obergeschoss führte, vorbei kamen, blieb Ravel stehen und ließ seinen Blick fragend die staubigen Stufen hinauf wandern, von welcher jede mit einem kleinen, ovalen, dunkelgrünen Fliesläufer versehen war. Die steile Treppe war so schmal, dass Personen nur hintereinander hinauf oder herunter gehen konnten und entgegen kommen durfte dabei niemand. Tamala bemerkte sofort, woran Ravel grade dachte und sagte:” Du spielst doch nicht ernsthaft mit dem Gedanken ein wenig in den Habseligkeiten von Merle rum zu stöbern? Vergiss es! Es wäre Unrecht und ein Einbruch in ihre Privatsphäre und außerdem…”, fügte Tamala scherzhaft hinzu, “… würde es eine Ewigkeit dauern den ganzen alten Krempel zu durchforsten.” ” Ach komm schon…”, zerrte Ravel, “… nur mal kurz, ein kleiner Blick. Sie ist nicht da und bemerken wird sie es schon nicht. Glaub mir.” ” Ein wenig neugierig bin ich ja schon…”, gab Tamala ehrlich zu,”… aber ich weis nicht so recht…” Das genügte Ravel als ein Ja und ehe Tamala ihren Satz beenden konnte stand er bereits auf der ersten Stufe, welche mit einem Knacken fast unter seinem Gewicht nachgegeben hätte. “Oho… immer langsam Ravel! Mir scheint als wären wir beide für dieses seltene Exemplar einer Treppe eine Herrausforderung!”, entfuhr es Tamala spöttisch. ” Na hoffentlich nicht ihre letzte!”, stieg Ravel lachend mit ein.

Und so stiegen die beiden die Stufen empor und mit jedem Schritt knackte es unter ihren Füßen und die Stufen bogen sich, als wären sie aus Gummi. Doch zu Bruch ging keine von ihnen. Tamala klammerte sich am rauen Geländer fest, welches bedrohlich wackelig war und mit seinen hier und da fehlenden Sprossen keinen vertrauenserweckenden Eindruck machte. ” Au! Verdammt! Ich habe mir einen Schiefer geholt!”, zischte Tamala, ” Erst das Knie, jetzt die Hand. Was kommt als nächstes?” ” Vielleicht ein Brett vor den Kopf? Aber das hast du ja schon.”, stichelte Ravel. ” Ha Ha… sehr witzig, pass lieber auf wo du hin trittst. Von hier aus betrachtet wirkt dein Hintern nicht unbedingt schmächtig! Ein wenig Sport täte dem auch mal gut!”, wusste Tamala sich zu wehren, die hinter Ravel die Treppen erklomm. Oben angekommen erstreckte sich ein kleiner Flur und vor ihnen und links und rechts, jeweils eine braune einfache Holztür. Rechts vom Geländer führte eine weitere kleine Holztreppe, bestehend aus fünf Stufen und einer Mausefalle, hinauf unter das Dach des Hauses. Die Tür direckt vor ihnen war mit einem handgroßen Metallkreuz behangen und zog die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich. Sie vermuteten hinter jener Tür das Schlafzimmer von Merle, das wohl aller heiligste und privateste, was dieses kleine Häuschen herzugeben vermochte. Ravel legte seine Hand auf die geschwungene Türklinke, welche sich schwer und quietschend nach unten bewegte. ” Am Öl kann es wohl nicht liegen, denn es ist sicher keines dran.”, setzte Ravel dem vorangegangenen Hohn noch eins drauf…

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