Ein Abend am Feuer

Seine Füße versanken im feinkörnigen, trockenen Sand und seine Knie berührten einander während er sich nach vorne beugte, seine Arme verschränkt auf diesen ablegte und verträumt geneigt seinen Kopf auf der weichen, leicht gebräunten Haut seiner Unterarme bettete. So saß er in seinem Liegestuhl, dem Alltag weit entrückt und dem Feuerchen welches vor ihm im Wind tanzte zugeneigt. Bewegt von der Musik und hypnotisiert von lodernder Flamme beobachtete er leicht abwesend die Menschen die ihn umgaben. Er war mitten drin und doch saß er nur am Rande. Um ihn spielte das Leben eines seiner bunten Stücke und er, träumend auf seinem Stuhl, war ein Requisit dieser bunten, überfüllten Einraumwohnung, wie ein Mahagonitisch mit einer massiven, runden Tischplatte auf einem langen von Gravuren geziehrten Sockel und drei schwungvoll abgerundeten Beinen, in einer hellen Ecke eines großen leer wirkenden Flurs um richtig zur Geltung zu kommen und von jedem einen flüchtigen Blick erhaschend… schön aber unscheinbar… wartend dass jemand eine Vase gefüllt mit einem dicken Strauß blühenden Lavendels auf ihm abstellt und ihn damit zu einem wahren Blickfang machte. Ruhig, verschlossen, introvertiert, für einige sogar langweilig, aber doch… irgendwie war er interessant.

Es wurde Später und die Zeit verging. Die Welt vor seinen Augen begann zu verschwimmen und unlängst wusste er das es Zeit war den Heimweg anzutreten. Doch nicht nur er. Die Musik um ihn herum wurde zunehmend auf Gesprächslautstärke reduziert, um die in Feierlaune gestimmten Gäste langsam zur Ruhe zu bringen, denn mitten in der Woche wollte man den Einwohnern in umittelbarer Nähe nicht lästig sein, zumal sich der späte Abend schon längst verabschiedet hat und die Nacht damit begonnen hat einen neuen Tag zu basteln. Doch auf der kleinen Tanzfläche vor ihm haftete noch immer ein überschaubares Grüppchen von unermüdlichen, wie Stecknadeln an einem Magnet, nur nicht so steif… sie waren frei beweglich und das wollten sie auskosten. Einer von ihnen, der Rebell der Gruppe, begann die Aufmerksamkeit des DJs auf sich zu ziehen in dem er pfiff und dabei die ulkigsten Bewegungen an Tag brachte welche sein Tanzschrittrepertoir zu bieten hatte. Unbeholfene Versuche die in den Schatten der Nacht nach Erhörung flehten und schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren. Er wollte heftigen Drum and Bass statt House. Doch welcher DJ würde seine Schiene ändern wenn er sieht das die Leute scheinbar dazu abgehen? Verzweifeltes fuchteln um Aufmerksamkeit kann unter umständen für einen neuen, inovativen Tanzstil gehalten werden, der nicht nur für die ausführende Person zum ultimativen Spassbringer mutieren kann. So lenkte er das Interesse des DJs ohne Erfolg auf sich, doch stille Beobachter erreichte er trotzdem und belustigend war es allemal für den am Feuer sitzenden Mahagonietisch, der das Leiden des jungen Rebellen mit einem Lächeln und ohne Zensur beobachtete.

Dem Rebellen blieb es nicht verborgen dass er die Aufmerksamkeit des Mahagonitisches auf sich gezogen hat und diesen scheinbar sehr amüsierte und so begann er seine Einlage vom DJ Pult abzuwenden und in Richtung des Feuers zu präsentieren, wilder und verrückter, denn das Tischchen blieb nicht untätig und begann, so weit es im sitzen möglich war, in die trolligen Bewegungen einzuspringen. Er führte seine rechte Hand zur Nasenspitze und ließ seine linke Hand neben seinem Kopf in Schlängelbewegungen parallel zum Körper nach unten gleiten und kam in der selben Art und Weise wieder nach oben, sehr zur Belustigung des Rebellen, denn der wurde dadurch nicht nur zum weiter machen animiert… nein… er nahm seine Beine in die Hand und nahm einen der leeren Plätze am Feuerchen ein und kam direkt neben dem Mahagonitisch zum sitzen und zum Stillstand. Ohne ein “Hallo” wurde das Gespräch aufgenommen und die gegenseitigen Standpunkte in Bezug auf den Abend, auf die Musik und das Vorgehen des DJs einander unterbreitet. Das Tischchen hatte keine Ahnung von Musik und den dazugehörigen Tanzstilen, das gab er offen zu und die Maßnahme der Laustärkenregulierung unterstützte er, denn er war sich der Folgen bewusst die eine unverminderte Party zu so später Stunde nachziehen könnte. Der Rebell wiederum war in Feierlaune und wollte sich am liebsten noch die ganze Nacht genüsslich zu Drum and Bass bewegen, da es bei dieser Richtung wohl egal wäre wie man sich bewegt… hauptsache man bewegt sich, auch wenn man keine Ahnung davon hat. Darüber hinaus würde sich zum Musikmix jeder anders bewegen und dennoch würde man mindestens fünf Personen entdecken können die es einem gleichtun und gegebenenfalls genauso unbeholfen wirken würden wie man selber, was wiederum zur Verbundenheit beitragen würde.

Das Feuer malte eine warme, gemütliche Atmosphere obgleich die gespenstischen Schleier der Nacht Winkel und Ecken eingenommen haben, welche wohlmöglich noch nie dem Lichte der Sonne ausgesetzt waren. Doch an diesem lodernden Quell der Behaglichkeit fiel es nicht schwer die Finsterniss und die schleichende Kälte zu verdrängen und doch… die Endlichkeit von allem war nahe. Worte über das Sein und über die Beständigkeit des Lebens hingen träge über den Köpfen der Jugendlichen. Ein Potpourri mit dem Duft der Verwesung wurde sorgfältig in der Schale des jungen Lebens ausgebreitet und mit allerhand frischen, blumigen Noancen angereichert. Was bedeutet der Tod? Was bedeutet das Sein? Was wird bleiben und hinterlassen wenn wir einmal nicht mehr sind und welcher Eindruck von uns wird weiterhin auf Erden verweilen? Wird es denn wirklich entgültig sein? Kommt vielleicht doch noch etwas danach? Wer glaubt schon an Wiedergeburt? Gegebenenfalls ein Wandel der Lebensform? Wäre der Tod sinnlos, weil darüber hinaus nichts mehr käme und nichts von Beständigkeit wäre? Wäre das Leben und das Sein sinnlos, wenn man doch eh nur auf das eine Unausweichliche hinarbeitet? Man erlebt, man genießt und man lässt hinter sich. Ein Gebirge aus verlebten Momenten und Erinnerungen auf dessen höchsten Punkt ein Galgen steht und wir unaufhaltsam, ausdauernd… ja nahezu euphorisch danach streben diesen zu erreichen. Wie dem auch sei… Leben ist kostbar…

… und so lenkte das Gespräch in eine Richtung der Gegenwart und jenen Dingen zu, welche das Leben definieren. Mittlerweile ist ein Freund des Rebellen dazu gestoßen und bereicherte das Gespräch mit seinen eigenen, unanfechtbaren Gedanken und Einstellungen. Moralische Werte wurden mit Pflichten abgewogen und die Frage nach der eigentlichen Pflicht im Leben wurde behandelt und einstimmig beantwortet. Der Mahagonitisch wurde Stück für Stück zum Zuhörer und Beobachter einer Konversation, welche sich mit politischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten, aber ebenso mit der Rolle der Kirche in diesem System befasste. Er gab es offen zu, grade in politischer Hinsicht… gelinde gesagt… unwissend zu sein und dennoch hörte er gerne zu, versuchte mitzukommen und hier und da etwas mitzunehmen was ihm wichtig erschien und was er verstand. Die Zunge des Rebellen war schwer von der Fülle des Alkohols, doch man merkte es ihm nicht an. Seine Worte waren klar gewählt und er brachte ein ungeheuer großes Talent an den Tag sich auszudrücken und seine Ausführungen mit ausreichend Fremdwörtern und allerhand Fachsimpelein zu schmücken und wiederzugeben. Den Menschen im unmittelbaren Umfeld blieb die Wolke aus ausdrucksschwangeren Worten nicht verborgen und ab und zu wurde die kleine Runde am Feuer mit amüsierten und oftmals verständnisslosen Worten und Blicken bedacht. Hinweise und Andeutungen, welche die Worte der Jungen bestätigten und gleichermaßen positive und negative Beispiele für das Gesagte lieferten.

Das Gespräch wurde dadurch aber keinesfalls überschattet, ganz im Gegenteil, es wurde bereichert und nahm fortwährend seinen Lauf, denn im Moment war das Drumherum unwichtig und man konzentrierte sich auf das Wesentliche… das Gespräch und das Zuhören. Doch was ist das Wesentliche im Leben? Welche Form wäre erstrebenswert? Welche Gesellschaftsform? Wie wichtig ist Fortschritt? Was geht schief in dieser Welt? Wie kann man dem entgegenwirken? Welchen Wert legt jeder einzelne in materielle Sachen? Wie wichtig ist Luxus? Was ist überhaupt Luxus? Was bedeutet Geld? Wer hat es? Wer braucht es? Bleibt Menschlichkeit auf der Stecke? Ist das überhaupt wichtig? Sind wir uns alle nur selbst der Nächste? Was sind wir eigentlich? Wer wollen wir sein? Sollten wir uns nicht alle einmal fragen, was unser Zweck auf dieser Erde ist? Und sollten wir nicht alle einmal versuchen nach eben diesen “primitiven” Grundanforderungen zu Leben? Parasitäres Leben, welches auf wundersame Weise… man nennt es auch Evolution… gelernt hat die natürlichen Ressourcen seiner Umgebung auszunutzen und stets zu seinem eigenen Wohle zu verwenden… ohne Rücksicht auf Verluste und dennoch mit Reue auf Fehler aus der Vergangenheit blickend. Fehler welche durch Unbeständigkeit und zu schnellen Schlüssen und Handlungen begangen wurden, welche aber keinesfalls wieder auszulöschen sind. Ein Volk dass unaufhörlich seinen eigenen Grabstein meißelt und während dessen schon mit der üppig ausgestatteten Trauerfeier begonnen hat. Doch sollten wir nicht daran denken, dass wir unabhängig von Wissenschaft, Technik und allem was wir geschaffen haben, doch nur Lebewesen sind die durch eine Verstrickung günstiger Umstände eine Selbstständigkeit erlangt hat, wie sie wunderbarer und einzigartiger nicht sein kann? Sollten wir uns nicht daran erinnern dass wir jene sind, die zu einem Kreislauf beitragen, den man Leben nennt? Dass wir jene sind die so viel wollen und doch am wenigsten brauchen und schon gar nichts verlangen können? Wir werden geduldet auf dieser Erde und nicht die Erde von uns…

Die Kullissen des Abends wurden langsam aber sicher abgebaut und das Feuer began sich unter einem Berg von Asche allmählich selber zu ersticken. Es wurde Zeit. Der Morgen war nah und so verabschiedeten sich die Jungen von einander und waren sich dankbar für die Worte, welche sie in den vergangenen Stunden gewechselt haben. Dankbar für das erzählen dürfen und dankbar für das gehört werden. Die Wege trennten sich und jeder nahm sich ein Stück von diesem Abend mit und während sie das taten, erwähnten sie wie beiläufig ihre Namen, denn das haben sie bis zu diesem Augenblick noch nicht getan und ganz gleich ob sie sich irgendwann in ihrem Leben noch einmal begegnen würden oder nicht, ganz gleich… denn eines wusste sowohl der Rebell, als auch der Mahagonitisch… eine solche Begegnung gibt es nicht jeden Tag, doch genauso sollte das Leben doch sein.

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