Diskretion Bitte…
Die Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Nahezu jede Frau erlebt diese Phase auf ihre ganz individuelle Weise. Von Unterleibskrämpfen, bis Kopfschmerzen, von Übellaunigkeit… meist hervorgerufen durch eben genannte Schmerzen…, bis Lustlosigkeit. Die einen bluten stark, andere fast gar nicht, manch eine nur einmal und wieder andere ununterbrochen. Diese Auffälligkeiten und Nebenwirkungen… welche der Beipackzettel des weiblichen Zyklus mit sich bringt… sind unumgänglich und keine Frage der Interpretation betreffender Personen, sondern eher eine Frage der Beschaffenheit des auslebenden Organismus. Kurzum, eine Frau muss es nehmen wie es kommt, wenn es kommt und das tut es bei jeder, aber eben sehr unterschiedlich definiert… so wie man ohnehin nicht alle Frauen über einen Kamm scheren kann. Punkt!
Da es in unserer von Testosteron verseuchten Regenbogengesellschaft… damit ist das schwule Völkchen gemeint… keine menstruierenden Mitglieder gibt, obgleich man bei einigen unter uns den Eindruck nicht los wird sie hätten mehr Östrogen als Testosteron am Start und steuern grade Wegs auf die Menopause zu, möchte ich mich mit einer Sache beschäftigen, welche klar definiert ist, aber leider einer sehr individuellen Eigeninterpretation von Person zu Person unterliegt… die Diskretion… ist eine Geschichte voller Missverständnisse!
Allgemein betrachtet handelt es sich dabei um eine Tugend, welche der Unverbindlichkeit unterliegt und nach eigenem Ermessen angenommen und gelebt werden kann, aber anderenfalls auch unter den Teppich gekehrt werden darf.
Wenn ein Freund einem Freund den unverbindlichen Vorschlag macht, abends eine Bar auf zu suchen und etwas zu trinken und der gefragte wiederum einen Dritten, wohlgemerkt einen gemeinsamen Freund, der Bereicherung wegen ebenso unverbindlich fragt ob er mitkommt, so unterliegt dieser Phopa keiner Indiskretion, sondern vielmehr einer mangelnden Absprache. Denn aus der oben geschilderten Situation geht weder hervor, ob der Fragende jemanden mitbringt oder noch Dritte bzw. Vierte zur Gestaltung des Abends beziehen würde, noch geht daraus hervor, dass es ein Abend in vertrauensvoller Zweisamkeit werden sollte, ein Date wenn man so will. Wenn an einem solchen Abend ein gemeinsamer Ausflug in Erwägung gezogen wird und dies wiederum, vom sich eben noch über Indiskretion beschwerenden Part der Verabredung, an einen Gemeinsamen Freund weiter getragen wird, so sollte man für diese beiden Situationen das Wort Diskretion diskret unter den Tisch fallen lassen. Denn das eine hebt in diesem Fall das andere auf und ist weder exestenziell, noch rufschädigend. Die Waagschalen sind quasi identisch gefüllt.
Dann gibt es noch jene Situationen in denen sich der ein oder andere von uns peinlich berührt fühlt und das Wörtchen Diskretion formvollendet in der Tasche verschwindet oder besser gesagt weder im Fremdwörterbuch noch in irgend einem anderen Nachschlagewerk unserer zivilisierten Gesellschaft zu finden ist… quasi vom Erdboden verschluckt wurde!
Wer kennt das nicht? Da sitzt man mit vier oder fünf weiteren Persönchen an einem Tischchen einer herkömmlichen schwulen Lokalität und wie es der Zufall so will ist der Tisch gegenüber in nahezu ähnlicher Konstellation besetzt. Natürlich kommt ein Zufall selten allein und so kennen sich mindestens zwei Personen der jeweiligen Tische gut oder nur flüchtig, zwei weitere kennen sich innig oder sind gar verwand oder verschwägert und wieder andere sind sich spinnefeind oder mindestens nicht grün untereinander. Ihr seht der Zusammenhänge sind keine Grenzen gesetzt und so ist genug Stoff geboten, dass irgendwann eine der beiden Parteien beherzt unter die Gürtellinie greift und vorholt was sich dort verbirgt. Abgründe und Frivolitäten formen nun das sonst so rauchige Ambiente und wenn man auch nur damit beschäftigt ist an einem Kurzen zu nippen, so wird man mit dem schlucken nicht mehr fertig.
Spätestens jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass die fiesesten aller Abgründe mit selbstgebauten Brücken überschritten werden. Es wird auf den Tisch gelegt was geht und was zwischen Pfeffi, Erdbeerlimes und Becks Green Lemon noch genügend Platz findet um ordentlich breitgetreten zu werden, einschließlich sexueller Neigungen, welche im Romeo unter der Rubrik “Fetisch” keinen Platz eingeräumt bekamen. Wenn man so will, sämtliche Themen welche sich in der schwulen Szene wie ein Lauffeuer verbreiten und sich dort äußerster Beliebtheit erfreuen.
Auf halb eins sitzt der und der, auf viertel vor neun hat der mit dem, der auf zehn nach elf hat dies und das und der auf drei Uhr schuldet dem der grade nicht da ist dies, das und jenes. Und überhaupt, der der grade nicht da ist ist der schlimmste von allen! Eine unzensierte, ungeschützte Bloßstellung in Zimmerlautstärke… damit es auch jeder endlich weiß… wie man sie in einem dieser haarigen sechziger Jahre Pornos nicht finden würde… gruselig!
Doch derartige Sachen passieren nicht nur in ausgewählten Örtlichkeiten, in denen der schwule Lifestyle zu hause ist und an deren Tür sich ein kreisrundes Hinweisschild befindet, auf dem das Wort Diskretion durchgestrichen ist und darunter ein Zusatz prangt: Wir müssen draußen bleiben! Nein es passiert zu jeder Zeit an jedem Ort, mit jeder beliebigen Person. Da muss nur ein durch Bier und andere Alkohlitäten desorientierter und völlig aufgeschwämmter Fussballfanatiker vorbei gestolpert kommen und schon kommt von Seiten anderer und so dass es für jeden vernehmbar ist, einschließlich der betreffenden Person, das klangvolle Wort… hässlich!
Darüber hinaus wird meines Erachtens nach vorsätzlich in jeder redseligen Runde ein Stühlchen freigehalten. Nicht in der weisen Voraussicht dass noch jemand dazu stößt, nein, einige Menschen schaffen es trotz physischer Abwesenheit die Runde zu bereichern und sind in aller Munde… mittendrin statt nur dabei. Jenen Menschen wird dieser Fokus meist missgönnt und dennoch schaffen sie es, da ja genug Gesprächsstoff über sie existiert, den lustigen Kaffeeklatsch zu bereichern und ungefragt… denn eigentlich wollte es niemand in der Runde so… sich im Mittelpunkt des geselligen Beisammenseins und der uneingeschränkten Aufmerksamkeit zu suhlen. Und es drängelt sich mir die Frage auf: Ist das nur bei uns Homos so?
Gäbe es auf den Straßen von Gaytown Diskretionslinien, wie man sie in hiesigen Sparkassenfilialen findet, so wäre man sich entweder ihrer Bedeutung nicht bewusst, oder sie würden durch Durchgängigkeit nicht das Verbot des Übertretens symbolisieren. Sie wären viel eher in gestrichelter Form vorzufinden und würden zum beherzten überschreiten einladen.
Discretio! Ein Talent in allem das gesunde Maß zu finden und ausgewogen das zu viel und zu wenig zu unterscheiden. Auch wenn dem Klosterleben der Benediktiner durchaus etwas homoerotisches abzugewinnen ist… ein Haufen schweigsamer Mönche, betend hinter steinernen Mauern und unter ihren Kutten nichts weiter tragend als Sünde… so hat es wohl einen Grund dass uns die Pforten zu Eden verschlossen bleiben oder wir uns dazu entschlossen sie niemals zu öffnen, obgleich ich in Anbetracht der oben genannten Thematik die Abgeschiedenheit und den Zölibat als tugendhafter und erstrebenswerter betrachte. Denn ohne den Grundsatz der Diskretion wären wir dort völlig deplatziert, vom hervorgerufenen Unwohlsein, durch Verschwiegenheit und Tratschverbot ganz zu schweigen…
… Grundsätzlich ist nichts falsches darin erkennbar, wenn man zwei drei Personen hat denen man sich anvertrauen kann und mit denen man offen über alles reden kann, denn manch ein Rucksack ist einfach zu schwer um ihn alleine zu tragen und reden bedeutet auch, sich einiger unnötiger Gegenstände daraus zu entledigen… sich davon zu befreien… immer im gesunden Maße und ohne dabei die Öffentlichkeit einzubinden. Es sollte stets auf der pergamentartigen, seidenen Hülle eines Konkons basieren, welchen wir Vertrauen nennen und welchen wir alle schützend um uns tragen. Die Diskretion spielt dabei eine große Rolle und ist, neben vielen weiteren Komponenten eines stabilen Gewebes, nur eine Faser zur Festigung und hilft dabei, dass aus kleinen Haarrissen, welche der Kokon bei jedem von uns aufweist, keine klaffenden, nie mehr zu flickenden Löcher werden. Löcher in unserem Bewusstsein. Amen!