Der Kuss
Viel Zeit war noch nicht ins Land gestrichen seit sich die Wege der zwei Jungen kreutzten und beschlossen parallel zu einander zu verlaufen. Es gab noch so vieles was sie nicht von einander wussten und was es zu entdecken gab und wie wir ja alle wissen würde ein ganzes Leben nicht ausreichen um jemanden zu genüge zu kennen und um behaupten zu können man würde alles über den anderen wissen. Nein, man kann immer irgendwie überraschen und oft genug überrascht man sich selber noch im hohen Alter. Es war also alles neu und alles spannend, Optimissmuss begleitete ihre Wege, Neugier und Zarghaftigkeit. Der eine, selbstsicher, stark… nach außen… innerlich weich, beschloss dem anderen, sanft und zerbrechlich, seine Welt zu zeigen. Zumindest einen Teil davon. Etwas was zu seinem Leben dazu gehört und wodurch sich sein Leben definiert. “…Komm, ich nehm dich an meine Hand, ich nehme dich mit in ein fremdes Land. Du wirst staunen wohin ich nun mit dir gehe, du wirst sehen wo ich wandel und wo ich stehe. Erzähl mir von Eindrücken und wie es dir gefällt. Wie ist dein Empfinden hier in meiner Welt?…” Und so ergriff er seine Hand und sie begaben sich gemeinsam auf einen Nachtflug.
Die erste Station, welche sie erreichten, kam selbst dem unerfahrenen schon etwas bekannt vor denn schon oft betrat er diese Welt, fand hin und wieder gefallen daran, war aber auch nicht enttäuscht wenn er dieser Art von Vergnügen nicht beiwohnen konnte. Um die ersten Schritte an diesem Abend zu tun war sie ungemein gut geeignet, da sie für keinen wirklich befremdlich war. “…Die erste Location war Rosa, ein Sinnbild ihrer selbst. Der schwule, nächtliche Livestyle mit viel Spaß und Alkohol durchsetzt. Diese Kulisse war ein eitles Bild, Status und Herkunft hatten Wert. Geld war ein gern gesehener Genosse und Makellosigkeit war begehrt. Ein ausgelassener Haufen den garnichts erschüttern ließ. Ein Sonnenstrahl in finsteren Nächten, der jedem seinen Platz zuwies!…” Und so verbrachten sie nicht viel Zeit damit diesen ohnehin schon oftgesehenen Ort zu durchforsten. Sie trafen ein paar bekannte Gesichter, plauderten hier und redeten dort mit jemanden, ein Trink an der Bar und dann auf und weiter in die Nacht hinaus. Denn diese hatte noch mehr zu bieten, oder zu verbergen?
Dunkler war es und später auch und so kam es, das sie einen Ort betraten der mehr verbarg als das er preis zu geben versuchte. Man hatte nicht das Gefühl beglotzt zu werden und man hatte aber auch nicht das Gefühl aufgenommen zu werden. Man wurde akzeptiert und diese Welt schien in sich gekehrt und verdeckt. Sie wollte für sich bleiben. “…Diese Szene war finster, in Rauch und in Schatten gelegt. Unerkannt wollte sein, wer sich hier bewegt. Ein Streifzug durch ein Land ohne Lichter, in eine Welt ohne Schnörkel und Schein. Schwarz geschminkte Gesichter, Masken verstecken das Sein. Masken verbergen die Schönheit, das Besondere eines jeden dort. Sie wollen ungestört bleiben, an diesem wolkenverhangenen Ort…” Hier war ein verstecktes Leben bewahrt und wohin man auch schaute und meinte dort wäre nichts, so bewegte sich etwas. Man wurde überrascht und man erschrak ab und zu, denn diese Räume waren oft dunkler als eine mondlose Nacht. So nahm er ihn wieder an die Hand und führte ihn Schritt für Schritt durch diese künstliche Blindheit.
Und er nahm sie. Denn auch wenn sie noch befremdlich war, so bot sie in diesen Gewölben etwas vertrautes und das fühlte sich gut an.
Nächster halt, ein außergewöhnlich bunter Ort. Blitzend, kreischend und lebendig bis ins Mark. Dieses Szenario hätte er wohl alleine nie aufgesucht. Es zog ihn nicht an, dieser künstlich, kitschige Hexenkessel. So belebt und vibrierend wie ein Bienenstock. Eine unwirkliche Fantasie aus Plastik, die so mitreißend und ertränkend wie eine Sturmflut kam und sich so hartnäckig und zäh wie Lakritz hinziehen konnte. “…Sie betraten die Welt der Technik, mit Pyro- und Lasershow, extasiv, schrill und berauschend, benebeltes Niveau. Hier war der Sinn nach Bewegung, kein Stillstand, schnell musste es sein. Grade noch beengt von der Masse, im nächsten Moment wieder allein. Eine unwirklich hämmernde Bühne, verzehrt von pulsierendem Licht. Eine grelle, schreiende Zukunft, ein modernes, rasantes Gedicht!…” Dieses kunterbunte Bild war faszenierend und beängstigend zu gleich. Bot es eine wilkommene Abwechslung zum ach so öden Alltagsbrei und doch konnte man hier in einem Strudel versinken welcher einen nicht mehr loslässt und die Kraft besaß einen zu verderben. Die Nacht wurde älter und die beiden Jungen beschlossen den Trip zum Ende kommen zu lassen und verließen die Welt aus Gummibären und Bonbons und besuchten noch einmal kurz die Regenbogenwelt, bevor sie sich daran machten den Heimweg anzutreten.
“…Eines hatten alle gemeinsam, sie flohen vor Raum und vor Zeit. Sie verdrängten die greifbaren Dinge und verfälschten die Wirklichkeit. Doch sie verloren sämtliche Reize, wenn die Nacht sich wandelt zum Tag und verkartert begrüßt die Realität den, der diesen Welten erlag…”
Sie kamen zu hause an und schlossen die Tür hinter sich. Es war schon früh am Morgen, doch der Tag war zu jener Jahreszeit noch fern. Sie saßen gemeinsam auf der Couch und wussten beide nicht so recht wie sie diese Nacht beenden sollten, denn das Gefühl der Nähe war schön und kleidete beide in eine angenehme Wärme. Sie redeten leise und sie wussten das es noch nicht an der Zeit war die Nacht gemeinsam zu verbringen, doch sie hätten noch Stunden dort sitzen können und weiterreden können, es tat gut. Er kauerte sich zusammen und verschränkte seine Arme über seinen Knien und verbarg darin sein Gesicht. “…Das dieses Leben nur eine Scheinwelt ist, war ein Fakt den er sehr wohl verstand. Denn diese Szenarien waren nur Inseln und boten kein festes Land…” Er hob seinen Kopf als der Abschied kam und wusste nichts rechtes zu sagen. Er blieb dort sitzen an seiner Stelle und erfuhr eine wunderbare Geste, bevor sich die Tür schloß und die Einsamkeit der Nacht Einzug hielt…
“… Die Hand legte sich sanft auf die Haare und streichelt den Kopf ganz leicht. Er legte die Lippen auf seine Stirn und küsste ihn zärtlich und seicht. Eine Gebärde so banal wie ein Krokus und doch sehr willkommen ist das erschein. Denn neben der ersten sinnlichen Wärme bricht mit ihm der Frühling herein. Und wenn er auch schweigend das Zimmer verließ, ein Schein blieb auf seinem Gesicht, das Theater der Nacht vielleicht Zuflucht gewährt, doch sollch sanfte Berührung bot sie nicht…”