Der Geschmack von Caramell
Aufgeregt und hastig stieß er die schwere Tür zum Treppenhaus auf, sobald er das kurze Surren des Automatischen Türöffners hörte. Ein Geräusch, welches lästig wäre wenn man es eine Stunde am Stück hören müsste. Doch er wusste wer oben den Knopf des Türöffners betätigte und das machte den Ton unheimlich schön und angenehm. Er eilte die steinernen, alten Stufen hinauf und nahm immer gleich mehrere auf einmal. Immer dabei, war sein Korb, welcher stets Dinge beherbergte, welche rauszuspringen drohten, durch die Erschütterungen beim Aufstieg der Treppen. Kurz vor der Wohnungstür, auf dem letzten Absatz wartete meist schon jemand anderes, genauso aufgeregt, ebenso voller Vorfreude und reckte seinen Hals hippelig in die Höhe und seine ohnehin schon großen Augen begannen zu leuchten, als ihre Blicke sich trafen und die letzten paar Stufen und Meter in kürzester Zeit hinter ihnen lagen. Sie fielen sich in die Arme und hielten sich fest.
Die nächste Aufmerksamkeit und das darauffolgende Interesse, galt meist dem Korb. Er ging morgens leer aus dem Haus und fand abends den Weg nach hause, gefüllt und mit ein paar Annehmlichkeiten im Schlepptau, welche dem Wohlergehen der beiden zu gute kommen sollten. Denn Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Und sollte der Korb einmal leer daher gekommen sein, so wurde es meist mit einer Rose wieder gut gemacht. Doch im Regelfall befanden sich Leckereien darin die den Abend und oft noch die Nacht versüßten. Verschiedene Gemüse und frisches Fleisch, wenn sich im laufe des Tages mal wieder eine Idee für ein köstliches Abendbrot im Kopf festgesetzt hat. Diverses Obst und die unterschiedlichsten Salate, wenn die erdrückende Hitze des Sommers Appetit auf einen erfrischenden, knackigen Salat machte. Eine Flasche Wein oder auch ein kühles Sixpack Bier und dazu eine volle Traube mit grünem oder blauem Wein um einen gemütlichen Fernsehabend zu begleiten und köstlich süß zu unterstreichen. Ab und zu verirrte sich da noch etwas anderes in den Korb. Während man durch die Regale des Kaufhauses schlich fand es schon wie von Geisterhand den Weg in den Korb und war ein gerngesehenes Mitbringsel. Es zog sich wie ein Roter Faden durch die Zuneigung der Beiden. Für Caramelltoffees konnte sich jeder von ihnen begeistern und sie hatten unwiederuflich eine Schwäche daran gefunden.
Im Auto unterwegs, beim spatzieren, vor dem Fernseher, im Bett… ja überall fanden diese kleinen Halbkugeln mit dem Kakaobraunen Auge in der Mitte seinen Platz und waren gern gesehen und gegessen. Er mochte es, wie er darüber herfiel und eins nach dem anderen mit einem geräuschvollen Haps im Munde verschwinden ließ und wenn die Schachtel vor dem Einschlafen noch nicht zu neige ging und die Fülle einer Leere wich, so wurde man Nachts immer wieder wach und griff beherzt zu. Weniger beherzt war der Ausdruck des Gesichtes, wenn es nichts mehr zum fassen gab und der klebrige, milde Geschmack, von karamellisiertem Zucker, Schokolade und diesem nussigen Kern nur noch ein leichter Nachgeschmack im Mund und in der Erinnerung war. Doch soweit musste es nur selten kommen, denn eine Ersatzschachtel war meist schon in unmittelbarer Nähe und der Vorrat schien unermüdlich. Selbst wenn man nicht mit dem Verzehr von Caramelltoffees beschäftigt war, so füllte eine noch verschlossene, unberührte oder eine angefangene Schachtel das Bild ihres Dunstkreises. Stets darauf wartend, dass der Lust zum Süßen nachgegangen wird und immer darauf vorbereitet ein Opfer der nussig, leichten Sünde zu werden.
Doch so wie die Zeit der leeren Schachtel kam, so kam auch die Zeit der Überdrüsslichkeit. Auf dem Treppenabsatz wartete schon lang niemand mehr. Hinter dem Rücken verbarg sich keine Rose mehr, darauf wartend ein Lächeln zu schenken. Der Korb ließ zunehmend in seiner Fülle nach und Nachts wurde man nur noch wach um sich ein Stück seiner Decke zurück zu erobern. Gähnende Leere machte sich breit und ein Abgrund tat sich in der Beziehung auf, welchen die Klebrigkeit und der Geschmack von Caramell nicht mehr zu kitten vermochte. Das Geräusch des Türöffners, klang zunehmend nervig und im Treppenhaus schien sich jeden Tag jemand daran zu machen ein paar Stufen mehr in die Treppen einzubauen. Der Moment das sich die Tür schloss kam und der Tag an dem sie sich nicht mehr öffnete war da und die Lust auf Caramell versiegte…
Im Supermarkt lief er schnell an den aufgetürmten Stapeln vorbei. Er mied sie und wenn die Paletten nicht unmittelbar auf seinem Weg durch die Regale aufgebahrt waren umging er sie sogar. Ab und zu näherte er sich den Regalen und griff nach einer der Schachteln. Er hielt sie fest und schloss die Augen. Einen Moment lang blieb alles stehen, die Welt hörte auf zu drehen und er stieß die Tür zum Treppenhaus auf und eilte die steinernen Stufen hinauf, hinter dem Rücken verbergend eine Rose und auf dem letzten Absatz wartend, er… Stille hüllte ihn ein und ein salziger Geschmack benetzte seine Lippen, als er wieder zu sich kam und langsam den Griff von den Caramelltoffees löste. Er entschied sich dafür, wie schon so oft, die Schachtel stehen zu lassen, sie zurück zu lassen und mit ihr lies er die Erinnerungen zurück und den Geschmack von Caramell…