Der frühe Vogel fängt den Wurm

Nach einem Sechstageritt durch die vergangene Woche, zu dem wohl bemerkt sein muss dass er sich nicht wie ein Ausritt oder eine Spatzierfahrt ins Grüne angefühlt hat, blickte ich gestern Abend verträumt und müde in mein wartendes Bett und freute mich auf jenen heutigen Morgen, an dem ich nicht von dem Gebimmel meines Weckers aus der Molle geschleudert werde, sondern meine Augen sich erst öffnen brauchten als sie sich in der Lage dazu fühlten. Für einen fünfundzwanzig jährigen an einem Samstagabend, ging ich zweifellos ungewöhnlich zeitig zu Bett. Doch meiner Müdigkeit zu urteilen rechnete ich nicht damit vor elf oder zwölf Uhr Mittags wach zu werden. Weit gefehlt und Pustekuchen denn um sieben Uhr dreißig in der Frühe öffneten sich meine Glüsen und protestierten mit einem Krampf gegen das gewaltsame wieder schließen wollen von meiner Seite her. Ich verlor natürlich und damit auch mein innerer Schweinehund und so erhob ich mich und lüftete erst einmal mich und dann die Wohnung.

Der frühe Vogel fängt den Wurm, so sagt man doch und so beschloss ich diesen jungen Tag, wenn der Schweinehund schon einmal vertrieben ist, zu einem Thomastag zu machen und an Stelle das Bett in meinem Zimmer in die energetische Mitte zu schieben, schob ich meinen Körper in ein legeres Trainingsoutfit und kurz darauf meinen Hintern in Richtung Elbe um diesen dort ein wenig über den Asphalt wackeln zu lassen. Bis auf ein paar Übungseinheiten in den eigenen vier Wänden, habe ich insbesondere die Körperliche Ertüchtigung an der frischen Luft in den letzten Monaten arg schleifen lassen. Zumal ich auf Arbeit genug Bewegung habe und grade in Bezug auf das Zurücklegen von mehreren Kilometern mit den Füßen genug ausgelastet bin, habe ich kaum die Notwendigkeit gesehen, meinem Körper auch noch ein paar Strafrunden im Park anzutun… doch lasst euch sagen, ausdauernde Bewegung auf Arbeit und sportliches Engargement in der Wildnis sind zwei paar völlig unterschiedliche Schuhe und auf gar keinen Fall mit einander vergleichbar! Kaum eine Menschenseele war unterwegs und an Luft und Sauerstoff genug vorhanden, doch wie schnell diese weg waren und ich außer Atem war eine niederschmetternde Wahrheit, die sich mir offenbarte als ich noch nicht einmal das Ufer der Elbe erreicht hatte!

Nachdem sich knackend und knirschend meine Gelenke in Bewegung gesetzt haben und sich die ersten porösen Rostpartikel meiner Maschinerie gelöst, war ich nicht davon abgeneigt einfach wieder umzukehren. Aber ich sagte mir “nein Thomas, das ziehst du jetzt durch!” Als Alternative zum Frühsport hätte ich natürlich auch das Öffnen der Sektflasche in Betracht ziehen können, welche zu hause auf meinem Schreibtisch vor sich hin vegetierte. Ein Sekt am Morgen bringt schließlich auch den Kreislauf in schwung, aber Alkohol ist keine Lösung und so lief ich hoffnungsvoll weiter und vertraute darauf das sich mein Motor von selbst wieder regenerieren würde. Meine Strecke die ich wählte war eine alt hergebrachte für mich und sie war nicht zu lang und nicht zu kurz. Genau richtig. Aber dennoch zwang mich ein immer wiederkehrendes Stechen in der Seite zu kleineren Pausen. Natürlich war ich zu keinerlei Hast gezwungen, denn schließlich hatte ich den Tag auf meiner Seite, aber ich weis nicht ob es nun das Stechen in der Leistengegend oder der kalte Wind der mich bremste war, was mir die Tränen in die Augen trieb und die Silhouette der Stadt verschwimmen ließ als hätte ich doch zur Sektflasche gegriffen. Jedenfalls war die Halbzeit auf dem kleinen Hügel im Park des japanischen Palais eine ruhebringende Genugtuung für meine Rennerei und mit der festen Überzeugung, dass ich noch viel vor mir habe um wieder richtig in Gang zu kommen wird es wohl auch nicht das letzte mal gewesen sein, dass ich verschwitzt und außer Atem dort oben auf der einsamen Bank gesessen habe und meine Tagträumereien von den Strömungen der Elbe davon tragen ließ.

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