“Der Besuch der alten Dame”, von Friedrich Dürrenmatt
Ein kleines, primitiv anmutendes Volk steht frierend und von Armut gebeutelt beieinander. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, denn die Szenerie ähnelt der Kulisse des Ostblocks. Plötzlich schwindet die Kälte und die Einwohner von Güllen beginnen frohen Mutes zu lächeln und der Sonne entgegen zu treten… die Ankunft einer Person erfüllt ihre Herzen mit Hoffnung und erweckt sie zu neuem Leben… Clara, sie ist der Besuch, die alte Dame.
Wenn ich mir eine alte Dame vorstelle, dann ist sie in erster Linie alt. Sie hat nicht den Hauch einer Diva, ist mütterlich und gelassen und trägt in ihrem Gesicht die Sanftmut an den Tage, welche mich dazu verleitet mich auf ihren Schoß zu setzen und ein paar Geschichten aus ihrem Munde zu hören, seien sie erfunden oder eines Auszuges ihres Lebens entsprungen. Doch Clara stellt ein anderes Kaliber von alter Dame dar. Sie ist schön und anmutig, sie ist reich und weltkundig, doch sie strahlt auch Kälte aus, Unnahbarkeit, steht über den Dingen und ist dennoch zerfressen von der Vergangenheit, welche sich vor dreißig Jahren in diesem Ort ereignete. Eine Zerfressenheit die nach Rache sinnt und einen Plan im Gepäck bereit hält, der zweifelsohne aufgehen kann.
Einst wurde sie in diesem Ort geliebt, geschwängert, verraten, als Hure abgestempelt und zur Flucht getrieben und all jene Lasten lagen all die Jahre unentdeckt auf den Schultern ihres damaligen Liebhabers Alfred Ill. Ihm gebührt der Grund ihrer Wiederkehr. Ihm soll seine Rache auferlegt werden. Ein unmoralisches Angebot, welches sie den Bürgern dieses verarmten Städtchens unterbreitet. Sie wird diese Stadt mit Reichtum segnen und jeden ihrer Einwohner, wenn… Alfred Ill den Tod findet und Clara ihren Frieden und Vergeltung.
Armin Petras inszenierte in seiner Bearbeitung des Stückes ein schnelles, lautes, mit kleinen amüsanten Einlagen gespicktes und zuweilen, wie ich finde, sehr dunkles Bühnenbild. Eine Bühne in Form einer Treppe, die wohl das aufstreben einer Gesellschaft symbolisieren soll, wird zum Schauplatz einer Geschichte in der die Menschen auf eine Probe gestellt werden und sich damit auseinander setzen müssen, welche Werte für ihr Dasein wichtig sind und wie weit sie für ihr eigenes Vorankommen gehen würden. Geleitet von Luxus und Geld wird einem ein Spiegel der heutigen Gesellschaft vor Augen gehalten und gezeigt wie Menschen handeln um ihrer Armut und ihrem kleinbürgerlichen Tun zu entkommen und somit ein kleines Stück in dem Lichte zu stehen, in welchem auch Clara steht. Die als Star in diese Ortschaft gekommen ist und auch als ein solcher gesehen wird. Ein von instabilen Säulen getragenes Gesamtkonstrukt, welches jämmerlich zerbricht wenn das Streben nach Glück durch das Streben nach Geld ersetzt wird und Clara am Ende ihren Willen bekommt, wo sie doch so oder so schon alles hat und besitzt, doch durch ihr Geld eine innerliche Genugtuung erreicht und durch die Verlogenheit und Schwäche anderer Alfred Ill zu Tode kommt.
Gelb ist die Farbe der Sonne und gelb ist die Farbe des Neids und neidvoll ist eben jene Sonne und jenes Licht, in welche die Bewohner am Anfang des Stückes erwartungsvoll blickten, als es mit dem Besuch der alten Dame in ihrem Ort Einzug hielt… und jene Sonne wird ewig über unseren Köpfen scheinen…