Das Theaterstück Alltag
Fest entschlossen seiner Partnerschaft mal wieder etwas Farbe zu verleihen, organisierte Alexander einen erfüllten Abend für ein paar gemeinsame Stunden. Zu sehr hatte die Beziehung in den letzten Wochen gelitten und zu wenig Zeit blieb den beiden um sie effektiv zu nutzen. Beruflich erfuhr Alexander grade einen Aufschwung und so war sein Leben erfüllt von Stress. Es war nicht einfach alles unter einen Hut zu bringen. So war er die meiste Zeit des Tages damit beschäftigt von seiner Wohnung zur Wohnung von David zu orgeln und von einem dieser beiden Domizile seine Arbeitsstelle aufzusuchen, wo er sich dann die meiste Zeit des Tages aufhielt. Gelegenheit zum Nachdenken wie man wieder etwas mehr Pepp in die Partnerschaft bringen konnte, war so gut wie nicht vorhanden und so gestalteten sich die gemeinsamen Abende meist mit einem guten Film und der darauffolgenden frühzeitigen Bettruhe. Sicherlich war die Tatsache, dass es Winter war und die Gemüter eh von einem Winterschlafartigen Dämmerzustand befallen waren, ein wichtiger Aspekt, der zu jener langweiligen Situation beitrug, aber als Vorwand um sich die eigene Inkompetenz schön zu reden konnte man den Winter nun wahrlich nicht nehmen.
Eine banale Sache hatte sich in das Leben der beiden eingeschlichen, die für gemein hin auf den Namen Alltag hört und die für beide, so haben sie es sich irgendwann einmal fest vorgenommen, nicht mehr Einzug halten sollte. Alexander wollte so gerne, dass auch David mal wieder etwas erlebt und etwas hat worauf er sich freuen konnte und so bestellte er einen Tisch in diesem angesagten kleinen Lokal mit der urigen, nostalgischen Einrichtung. Damit wollte er den Vorabend in einer warmen Farbe erstrahlen lassen und die darauffolgenden Stunden, so hatte er es sich vorgestellt, streichte er in bunten, satten Tönen eines Theaterstückes, für welches es gar nicht mal so leicht war, so kurzentschlossen an ein paar Karten heran zu kommen. Er wählte das Stück bewusst aus, so dass er sich sicher sein konnte, dass es David auch einigermaßen zusagte. Denn anders als Alexander, war David für derartige Vorhaben nur schwer zu begeistern und wenn die Thematik einer Aufführung nicht ansatzweise interessant für David war, oder nicht wenigstens ein Hauch von Aktion darin vorkam, so wusste Alexander, würde David nicht zufrieden werden an jenem Abend. Als die Vorbereitungen in Sack und Tüten waren und der Abend eine beschlossene Sache, richtete Alexander sich an David. Beide hatten sich nun schon eine Woche nicht mehr gesehen und die Vorfreude auf David wuchs in Alexander stündlich. Er stellte ihn vor die frisch vollendeten Tatsachen und war fest entschlossen ein Nein nicht zu akzeptieren.
Doch Alexanders Eifer wurde im Keime erstickt, denn das Nein, welches er nicht hören wollte kam und zu allem Überfluss auch noch begleitet von bedeutungsschwangeren Worten, die vernichtender waren als ein einfaches Nein. David hatte für den geplanten Abend schon etwas anderes vor, aber ohne Alexander und in den Tagen zuvor, an denen sie sich nicht sahen, feilte er allen Anschein nach an einem anderen Gedanken um zu retten was zu retten war. Eine Auszeit sollte die Konsequenz für die nächste Zeit sein und sollte bewirken, dass beide Parteien ihr Leben für sich wieder in geregelte Bahnen bringen könnten. Gelegentliche Tage des sich nicht sehens hielt Alexander für eine gute Sache, aber sich entfernen um sich näher zu kommen, war aus Alexander seiner Sichtweise keine gute Taktik. Schließlich sahen sie sich so selten in letzter Zeit dass man unmöglich davon reden konnte, sie würden sich permanent aufs Dach steigen. Weder David noch Alexander wurden vierundzwanzig Stunden am Stück vom anderen Part belagert und David fand schon immer große Freude daran, wenn man sich eher zu wenig als zu viel sehen würde. Der Entschluss stand jedenfalls fest und Alexander beschloss die Thematik ins gedankliche Abseits zu schieben. Was anderes blieb ihm nicht übrig, zum Schwäche zeigen hatte er augenblicklich keine Zeit und gebrauchen konnte er es ebenso wenig.
Den reservierten Tisch für den Abend bestellte er kurzer Hand ab, denn auch wenn essen eine unabdingbare Notwendigkeit war, so war ein Solocandlelightdinner eine Schmacht. Das Theater aber ließ er sich nicht nehmen, denn zu lange schon ist er dieser heimlichen Leidenschaft nicht mehr nachgegangen und wo es doch so schwer war an die zwei Karten zu gelangen, wollte er diese auf gar keinen Fall wieder aus der Hand geben. Doch zwei Tickets für eine Person waren auch ein bisschen zu viel des guten. Dennoch ließ er den Abend auf sich zu kommen und er freute sich auch schon auf das Stück, würde es ihn doch von all den anderen schwergewichtigen Dingen im Moment zu genüge ablenken. Der Abend war da und das Theater zum bersten voll. Die Nachfrage nach dem Stück war enorm und fast schon fühlte er sich allein unter so vielen fremden Menschen mit seinen zwei Karten in der Hand, währe da nicht ein Gesicht unter der Menge gewesen, welches ihm sehr wohl schon einmal begegnet war. Dennis kannte er zwar nur flüchtig, aber ab und zu hatten sie Kontakt zu einander. Seine Liebe zum Theater trieb ihn an diesem Abend alleine hierher, genau wie Alexander. Sie nutzten die halbe Stunde vor der Vorstellung um ein Glas Rotwein an der Bar zu sich zu nehmen und ein wenig ins Gespräch zu kommen und wie es der Zufall so wollte brachte der Andrang der Menschen es mit sich, dass sie die einzelne Karte von Dennis erfolgreich verkaufen konnten und so war kurzer Hand keiner von beiden mehr alleine an diesem Abend. Ein kleines Stück Glück im Unglück wenn man so will.
Der Vorhang ging auf und nach ein paar Stunden geballter Emotionen fand das Stück schließlich sein Ende und man konnte mit Fug und Recht behaupten dass es hielt was es im Voraus versprach. Die Beliebtheit der Aufführung war berechtigt und Dennis und Alexander mehr als zufrieden gestellt. Sie beschlossen noch ein wenig Platz im Theaterlokal zu nehmen und bei einem Glas Rotwein den Abend und das Stück revue passieren und angenehm ausklingen zu lassen. Die beiden redeten über alles mögliche, über das vorangegangene Stück, über Malerei und die Kunst, über Bücher, deren Autoren und über gute und schlechte Verfilmungen ihrer Bücher und so wie der Abend später wurde und auf das erste Glas Rotwein noch ein zweites folgte, wurden auch die Zungen lockerer und man redete über gegenwärtige Eindrücke und Umstände im Leben. Es war ein angeregtes Gespräch. Manchmal wurde es von kurzen Pausen begleitet, aber diese waren schnell Geschichte und einer von beiden fand immer wieder einen Einstieg. Irgendwann, als Dennis redete, war Alexander wie gebannt von seinen Worten und sein Blick heftete sich an die Lippen von Dennis wie eine hartneckige Klette an einen Pullover aus hundert Prozent Baumwolle, denn was Dennis da sagte klang wie eine wunderbare Wahrheit und eine ebenso schöne Vorstellung, über die Thematik des Alltages…
… Mit dem Alltag ist es so eine Sache. Natürlich ist es schön wenn aufregende Dinge passieren, aber es kann ebenso schön sein, einfach nur beisammen zu sitzen, einen Film zu gucken und anschließend gemeinsam zu Bett zu gehen. Wenn man diesen Zustand ein paar Tage hintereinander erlebt hat und sich auch am achten Tage noch Film guckend dasitzen sieht und sich umschaut und weis dass man die Person, die neben einem sitzt, trotz dessen zu schätzen weis, dann ist der Alltag doch gar nicht als so negativ zu berwerten. Doch wie sollte man es herausfinden, wenn man dieser Form von zusammen sein keinerlei Chance einrichtet zu gedeihen? Denn wie auch immer er aussieht… der Alltag… stattfinden wird er so oder so irgendwann.