Das Bild der Stadt
… ” Ehrlich gesagt habe ich meine Zweifel daran, dass ein so kleiner, unscheinbarer Gegenstand etwas bewirkt haben soll, was vermutlich nicht nur wir gespürt haben, sondern nahezu jeder im Umkreis von einem Kilometer… wenn nicht sogar in ganz Kapo.”, hatte Ravel einzuwenden. ” Pass auf Tamala. Ich werde fix noch mal nach oben gehen und das bisschen Unordnung beseitigen und du wartest solange auf den Stufen vor der Haustür.”, schlug er rasch vor. “Und dieses Ding hier?”, fragte Tamala und ließ das Lederband mit dem Fundstück einmal lasziv um ihren Zeigefinger schwingen,”… das nehmen wir mit!”, entfuhr es ihm promt. “Sie wird es schon nicht vermissen!” Mit einer Leichtigkeit flossen Ravel diese Worte aus dem Munde und so schwungvoll er sie äußerte, war er auch gleich darauf im Haus verschwunden und das Poltern der Treppe übertönte fast seine Worte mit denen er ins Obergeschoss entfloh, “Bin gleich zurück!”. Tamala ließ sich auf die Stufen plumpsen, legte ihre Unterarme in den Schoß und drehte mit den Daumen nachdenklich den kleinen Gegenstand in ihren Händen. Dann ließ sie ihren Blick davon ab und den holperigen Pflasterweg entlang gleiten, bis hin zum Gartentürchen und schließlich auf die Straße hinaus, wo sie verweilte und den Abschnitt anstarrte, welcher sich vor ihr offenbarte.
Es herrschte Totenstille und die Stufen, auf welchen sie saß, waren eben so mild und warm wie die Luft die sie umgab. Keine Stimme war zu vernehmen und kein Geräusch drang an ihre Ohren und doch waren Menschen auf den Straßen unterwegs. Sie schaute grade über die Straße hinweg, in das Schaufenster eines Ladens, welcher Haushaltsgeräte vertrieb. Die großen Schaufenster waren übersichtlich gestaltet und wirkten wenig fantasievoll und liebevoll eingerichtet. Alles was das Bild etwas aufheiterte waren die grünen Fensterrahmen und die schmale, eingezogene, weiß/gelb gestreifte Markise darüber. Im Fenster der Eingangstür hing ein ovales Schild mit der Aufschrift “Geschlossen”. Es war Sonntag, wie sollte es auch anders sein? Daneben sah sie ein weiteres größeres Portal. Es war wohl der Aufgang zu den Wohnungen, welche sich über dem Ladengeschäft befanden. Fast überall in Kapo konnte man jene Aufteilung der Häuser beobachten. Ebenerdig befand sich meist ein Lokal oder ein Geschäft und darüber wohnten die Leute. Auch die Markisen, welche zu Zeiten der Öffnung einen breiten Schatten auf die Gehwege warfen, waren Gang und Gebe in Kapo und sie waren alle samt gestreift und bunt. Ein graues hohes Haus war es, mit sechs Etagen über dem Haushaltswarenladen. Obwohl es warm in der Stadt war, wie eigentlich jeden Tag, waren die hellgrün umrahmten Fenster verschlossen. Bei einigen sogar die grünen Fensterläden um in den Räumlichkeiten dahinter künstlich Nacht zu schaffen. Sieben Fenster auf jeder Etage und jedes dritte von links und dritte von rechts war mit einem kleinen, vergitterten Ausstieg versehen, von denen jeder grade so groß war, das höchstens eine Person darauf Platz fand. Das oberste Geschoss schloss mit zwei spitzen Giebeln ab. Dazwischen war eine kleine Terrasse umgeben von einer Steinbalustrade und darüber befand sich das abgeflachte Dach mit seinen vier, mannshohen Schornsteinen, jeder für sich das Ende eines Heizrohres Preis gebend, aus denen kerzengrade eine blasse Dampfwolke zum Himmel hinauf stieg.
Was für eine Einöde, dachte sich Tamala. Denn genauso wie sich dieses Bild vor ihr erstreckte, sah es nahe zu überall in dieser riesigen Stadt aus…