Colorblind

Draußen ergießt sich der Himmel und presst sein letztes aus den zum bersten vollen Wolken. Sie erbrechen sich über die Stadt und über ihr Leben und kleiden alles in ein dumpfes Grau. Doch es ist nicht das Wetter was mich den Trübsinn teilen lässt. Bin ich doch heute Morgen mit einem Lächeln und einem sonnigen Gemüt in den Tag gestartet, erwachend aus Ohnmacht bringenden Träumen. Mein Tag zählte zweifellos zu den angenehmen, die ganze Welt schien mir wohlgesonnen und ebenso sanftmütig begegnete ich ihr. Dennoch vermag ich es nicht die Farben zu sehen, welche sie verbirgt und selbst Schwarz und Weiß lassen sich nicht unterscheiden. Ich klemme, ich blockiere, ich trage die Schultern voller Last und ich weis das ich vor einer Entscheidung stehe. Ich habe das Gefühl als einziger diese Wahl treffen zu müssen… ich verlange auch nicht, dass sie mir jemand abnimmt… ich möchte den ersten Schritt machen, zumindest denke ich das ich sollte… doch ich bin unfähig zu entscheiden in welche Richtung dieser sein wird und egal für welche ich mich entscheide, so habe ich keine Ahnung wie dieser Schritt aussehen sollte.

Mit der Angst im Rücken schon einmal begangene Fehler aufzufrischen und erneut zu tun, fällt es mir schwer geradeaus zu gehen. Wenn Sehnsucht einen zieht und man von einem Sack voll vergangener Laster geschoben wird, bleibt es nicht aus dass man ins wanken kommt und hier und da das Gleichgewicht verliert. Und so schleiche ich durch einen Wald und blicke misstrauisch auf die kahlen Stümpfe der Vergangenheit und ich sehe auch die Blüten welche sie hervorgebracht hat… ein Gleichgewicht der menschlichen Natur wie es nur die Gezeiten des Lebens zu prägen vermochten und doch könnte dieser Wald  an Kahlheit gewinnen und an Farbe verlieren, wenn ich den Schritt unbedacht in die falsche Richtung mache. Aber woher weis ich was falsch ist und was nicht? Wenn ich vor einem Glas Pinacolada sitze und beherzt und unvoreingenommen danach greife, um es anzusetzen und davon zu nippen, dann besiegt die Neugier… geleitet vom Herzen… den Verstand. Im nächsten Moment stelle ich das Glas wieder weg, denn die Pinacolada schmeckt mir nicht… ich bin enttäuscht, von der Pinacolada… und dabei schwärmten doch alle so davon. Vielleicht bin aber auch ich derjenige, von dem die Entäuschung verursacht wird, da meine Geschmacksnerven, mein Genusssinn, mein Feingefühl und mein Sinn für extravagantes nicht ausreichend ausgeprägt sind um den Geschmack der Pinacolada zu würdigen und sie in vollen Zügen genießen zu können. Ich hätte also Angst noch einmal davon zu probieren und dennoch drängt es mich dazu es zu tun, da sie einzigartig schmeckte und die Erinnerung noch nah ist, aber mitlerweilen verfälscht sein könnte und dieser zweite beherzte Griff würde mir vielleicht völlig neue Welten öffnen und es wäre mein Lieblingsgetränk bis in alle Zeiten und für den Moment schmeckte sie ja auch köstlich, nur war ihr Abgang schwer zu verdauen. So stehe ich also an einem Punkt wo der Verstand zunehmend Regiert und das Herz bleibt außenvor.

Wenn ich eine Pflanze besitze, welche zart, zerbrechlich und auf ihre Weise einzigartig und zuweilen wunderschön ist, so würde ich alles dafür tun um sie zu erhalten und zum Blühen zu bringen. Doch kann man nicht wissen was ein sollches Pflänzchen braucht um zu gedeihen und mir Freude zu schenken so wie ich ihr gerne Freude schenken möchte. Also hege und pflege ich sie über die Maßen und ich werde sie stets mit einer guten Portion Dünger nähren. Doch was ist wenn ich den Falschen Dünger wähle und meine Pflanze es mir mit Zurückhaltung und Insichkehrung dankt und schließlich droht einzugehen? Sollte ich den Dünger wechseln oder die Pflanze wegschmeißen, obgleich sie mir in Zeiten der Blüte… und ja, die hatte sie… schöne Momente bescherte und mit ihrem Antlitz entzückte. Sollte ich mir eine andere Pflanze zulegen und in kauf nehmen, dass sich die Flora der Vergangenheit immer wieder mal in meine Gedanken schleicht und mich wehleidig dahinschmelzen lässt, verschlossen macht und unerfüllt?

Wenn ich Gewässer betrat und zum baden erkohren habe, obwohl sie mir unbekannt waren und ich nicht schwimmen konnte, so ließ ich mich dennoch auf sie ein. Da das Unbekannte reizvoll war und ich mich gern überraschen ließ und das Planschen und Tollen machte Spaß, da es mich das Leben spüren ließ und mich ein Stück weit stärker machte, auch wenn ich fast ertrunken wäre. Ist es also ratsam diese Gewässer erneut zu betreten, obwohl ich mir das baden darin untersagt habe, wenn gleich ich auch in der Zwischenzeit das Schwimmen erlehrnt habe? Jeder weis das Gewässer durch Einflüsse der Natur Kippen können und sie sind ebenso wenig die Gleichen von früher, wie ich nicht mehr der Gleiche bin. Es könnte sein, dass sich in den Tiefen des Sees Algen verbergen, welche mich trotz meiner Fähigkeit zum weiterschwimmen festhalten können und zum untergehen bringen. Auch wenn ich mich dann noch einmal retten könnte so wäre ich mit einem neuen Fehler und einer neuen Angst behaftet, welcher mich gedanklich einen großen Satz zurück befördern könnte und ich wäre wieder da wo ich mich nicht mehr sehen wollte und doch… ich sehne mich nach dem kühlen Nass…

Was aber wäre, wenn sich unter dem scheinbar schwarz wirkenden Spiegel der Oberfläche die Farben befinden würden, welche ich einmal schon gesehen habe und welche mir so sehr fehlen… ich bin glücklich keine Frage, aber ich vermisse die kleinen Zeichen… die kleinen Bewegungen im Herzen… welche sich rar machten und zuweilen sogar ganz ausbleiben… was ist wenn unter der dunklen Oberfläche sich ein Schatz befindet, welcher nur darauf wartet von mir gefunden zu werden? Was ist wenn es sich um einen Schatz handelt, welchen ich schon einmal fand und ihn als diesen nicht erkannte und ihn daraufhin verlor? Sollte ich mich doch dazu entscheiden den Dünger der Pflanze zu wechseln, oder zu verfeinern und ihre letzten Triebe noch einmal zum Blühen zu bewegen, auf das sie in alle Ewigkeit für mich schön sein möge?

Das erinnert mich an den Jasmin den ich einst besaß, der meine Zuwendung mit Abwendung kommentierete und einging. Ich berichtete bereits davon, wie ich ihn radikal zurückstutzte, um ihn zu retten und er tatsächlich noch einmal in satten Grün erstrahlte… doch es währte nicht lange und das Pflänzchen ging ein und ich gab auf. Wenn eine Blume im richtigen Leben schon so empfindlich auf seine Umwelt und ihre Behüter reagiert, wie empfindlich und zerbrechlich muss dann eine Pflanze sein, welche die zarten Knospen trägt in denen Zuneigung schlummert?

… ich bin farbenblind… http://www.youtube.com/watch?v=GvpsT_3x5ZY

Einen Kommentar schreiben: