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	<title>Kleines Stück Dresden und die Welt drumherum &#187; Ravel und Tamala: Geschichten aus Kapo</title>
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		<title>Die Stadt ist laut</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Mar 2010 17:50:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Kleinstück</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ravel und Tamala: Geschichten aus Kapo]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Tag begann sich seinem Ende zu neigen und die Straßen wurden ruhiger und leerer. Das einfältige Paar ist nun dem Blickfeld von Ravel und Tamala entschwunden und machte keine Anstalten wieder an das Schaufenster zurück zu kehren. selbst die kleine Ansammlung von Menschen auf dem Friedhof löste sich langsam aber sicher auf und bald schon lag die alte Weide einsam in den Schatten der hohen Häuser. Ravel konnte sich ein Gähnen nicht verkneifen und kniff die Augen fest zusammen, während er seinen Mund weit aufriss. Den Winkeln seiner Augenlider entsprang dabei eine dicke, fette Träne. Er reckte und streckte sich und gab Tamala schmatzend zu verstehen, dass es unlängst Zeit geworden ist den Heimweg anzutreten. Die letzte Bahn fuhr soeben ein und von Kutschen war auf den Straßen weit und breit keine Spur mehr. Kapo begann sich in Dunkelheit zu hüllen und in einer Stunde schon würde vom Tage nichts mehr übrig sein, als die Erinnerungen an die Erlebnisse, welche man in die erholsame Ruhe der Nacht mit nahm.</p>
<p>&#8220;Lass uns aufbrechen&#8230;&#8221;, sagte er schließlich und stand auf um mit guten Beispiel voran zu gehen. Die Müdigkeit seiner Knochen machte sich bemerkbar und er hatte sichtlich Probleme seinen Körper in die stramme Vertikale zu bringen.</p>
<p>&#8220;Nur komisch dass von Merle nach wie vor jede Spur fehlt. Selbst wenn sie ausgegangen ist, sollte sie nicht irgendwann wieder zurückkommen?&#8221;, bemerkte Tamala nachdenklich, als sie sich in Richtung des Gartentürchens in Bewegung setzten.</p>
<p>Kaum als sie es erreicht haben und sich daran taten das Grundstück der Merle zu verlassen, seufzte sie und hielt sich gekrümmt die Schläfen.</p>
<p>&#8220;Alles in Ordnung?&#8221;, fragte Ravel immernoch ein wenig besorgt.</p>
<p>&#8220;Es ist schwer zu erklären, aber spürst du das nicht auch?&#8221;, Tamala fiel etwas sonderbares auf,&#8221;Die Straßen sind zwar inzwischen Menschenleer und keinerlei Geräusche verunstalten den Tag, aber die Ruhe der Stadt ist mit der Stille, welche Merles Haus umgibt nicht zu vergleichen. Die Luft scheint erfüllt zu sein von irgendetwas&#8230; etwas&#8230; dass meinen Kopfschmerzen nicht grade gut tut, aber ich kann es nicht beschreiben&#8230; man nimmt es kaum war.&#8221;</p>
<p>&#8220;Ich weis was du meinst, ich habe es auch schon gemerkt. Im Gegensatz zu Merle ihrem Grundstück wirkt die Stadt ständig lebendig und laut&#8230; selbst wenn die Gesichter des Tages schon längst verschwunden sind und die Stimmen lange verstummt. Es ist wie ein sanftes Wummern, welches man im Laufe der Zeit vergisst&#8230; es einem aber niemals von der Seite weicht&#8230; sag&#8230; wollen wir die Bahn nehmen?&#8221;.</p>
<p>Tamala schüttelte vorsichtig den Kopf,&#8221; Nein, es wird schon gehen. Der Spaziergang wird uns gut tun.&#8221;</p>
<p>Menschenleere Straßen und Gassen säumten den Weg der Beiden und die Arkaden verwandelten sich langsam in pechschwarze Höhlen, jede von ihnen ein scheinbar unendlich tiefer Schlund in dessen Rachen langsam die Ratten ihre Verstecke des Tages verließen und hungrig begannen ihr Unwesen zu treiben. Die zunehmende Finsternis machte der milden Wärme keinen Abbruch und der Regen blieb heute wohl aus. Alles was an Leben erinnerte waren vereinzelte Fetzen von Papier, Müll und hier und da eine Kugel schmelzenden Eises, welches wohl ein Kind während des Sonntagsspazierganges mit der Familie verlor, weil sein Mund viel kleiner als die Augen war. Unter den Simsen der Fenster wuchsen graue Tränensäcke heran und bald schon schauten die alten Häuser zähnefletschend auf den Weg der Beiden herab. Auf Ravel und Tamala.</p>
<p>Die Stadt könnte sie verschlingen, wie es die Nacht grade vermochte. Das hatten sie im Gefühl und waren sich dessen bewusst. Doch sie trotzten dieser Zukunft, so wie sie die Dunkelheit nicht fürchteten. Ebenso trotzte Tamala der Müdigkeit und für einen kurzen Moment vergas sie ihre Kopfschmerzen und blieb noch einmal stehen. Das Ding, welches ihr um den Hals hing ließ ihr keine Ruhe und so nahm sie es noch einmal mit beiden Händen, schaute darauf hinab und drehte und wendete es noch einmal, um es herausfordernd und hoffend dass irgendetwas passieren möge erneut an ihren Mund zu führen und einen geballten Mund voll Atemluft hindurch gleiten zu lassen.</p>
<p>Sie setzte es ab und öffnete langsam die Augen. Ravel blieb stehen und drehte sich zu ihr. Er wollte ihren Blick fangen um sicher zu gehen, dass sie beide das selbe eigenartige Gefühl empfanden. Aus weiter Ferne, aus irgend einem entlegenen Winkel der Stadt ertönte ein langatmiges, durch Mark und Bein schleichendes Heulen. Wie ein Sturm pfiff es durch die Straßen und über das Pflaster und ließ Papier und Staub aufwirbeln, wie ein Geist der auf sie zu gerannt kam. Als es sie erreichte war es kaum wie ein Sturm, als vielmehr ein Hauch, ein blasser Atem, der sich in ihre Nacken legte und ihnen kurz durchs Haar streifte und ihnen eine Gänsehaut bescherte.</p>
<p>So schnell wie es aufkam, so flink war es wieder verschwunden. Der Staub sank hernieder, das Papier beendete seinen geisterhaften Tanz und das Heulen verlor sich in den Arkaden und verstummte. Die beiden Kinder waren starr und staunten Bauklötzer. Ihre Augen begannen zu leuchten. Tamala umklammerte fest mit einer Hand dieses Ding um ihren Hals und als sie den ersten Schreck verdaut haben versuchten sie mit dem ersten Wort, welches ihnen einfiel ihrer Faszination einen Ausdruck zu verleihen. Beiden entfuhr es wie aus einem Munde&#8230;</p>
<p>&#8220;Wow!&#8221;</p>
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		<title>Wir die Querulanten?</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Mar 2010 08:29:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Kleinstück</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ravel und Tamala: Geschichten aus Kapo]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8230; Ravel schloss seine Hände zusammen und ließ sie locker zwischen seinen angewinkelten Beinen herunterbaumeln. Er starrte nun ebenfalls in Richtung der Straße und bemühte sich, zum eben gesagten, ein paar Worte zu finden. Mit ausgeglichener, ruhiger Stimme fing er schließlich an zu Tamala zu sprechen:&#8221; Es stimmt&#8230; dass mit Kapo etwas nicht stimmt&#8230;&#8221;. Tamala [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8230; Ravel schloss seine Hände zusammen und ließ sie locker zwischen seinen angewinkelten Beinen herunterbaumeln. Er starrte nun ebenfalls in Richtung der Straße und bemühte sich, zum eben gesagten, ein paar Worte zu finden. Mit ausgeglichener, ruhiger Stimme fing er schließlich an zu Tamala zu sprechen:&#8221; Es stimmt&#8230; dass mit Kapo etwas nicht stimmt&#8230;&#8221;. Tamala verpasste ihm lächelnd einen spielerischen Klaps auf den Hinterkopf. Er senkte diesen sogleich und musste selbst ein wenig über seine Worte Schmunzeln, während er sich die Stelle kratzte welche Tamala berührte und ihr einen schelmischen Blick von der Seite zu warf. Ravel räusperte sich und fand schnell zum nötigen Ernst zurück. Bedächtig fuhr er fort:&#8221; Siehst du diese kleine Ansammlung von Menschen dort? Da drüben auf dem Friedhof. Sie stehen noch immer. Das taten sie schon als wir hier eintrafen und wer weiß wie lange schon vorher. Oder das adrette Paar dort drüben&#8230;&#8221;, mit einem Kopfnicken verwies er auf den Mann und die Frau, welche schon Tamala aufgefallen sind. Als die Straßenbahn sich träge und schnaufend wieder in Bewegung setzte, standen sie erneut vor dem Schaufenster des kleinen Ladens und beäugten die offerierten Produkte,&#8221;&#8230; das machen sie schon die ganze Zeit. Stupide stolzieren sie den Straßenzug auf und ab und bleiben immer wieder vor diesem Schaufenster stehen&#8230; sie reden nicht&#8230; fast scheinen sie einander fremd und doch&#8230; sie halten sich an der Hand.&#8221;</p>
<p>&#8221; Weist du. Solche Kleinigkeiten und seien sie auch noch so banal, beobachte ich Tag für Tag und immer wieder regen sie mich zum Nachdenken an. Es ist auch nicht erst seit gestern und auch nicht seit einer Woche. Ich stelle mir immer wieder Fragen. Manchmal verwerfe ich sie und manchmal lassen sie mich einfach nicht mehr los.&#8221; Ravel senkte seinen Blick vor seine Füße und seufzte. &#8221; Du Tamala. Du bist meine einzige Freundin. Ich meine jemanden mit dem man durch dick und dünn gehen kann und das schon&#8230; ach, ich weis nicht mehr wie lange schon&#8230; ewig eben! Aber in einer so großen Stadt, mit so vielen Menschen und so vielen Kindern, sollten wir zwei doch nicht die einzigen sein, die sich gefunden haben. Mit niemanden kann man wirklich reden in Kapo. Die sind doch alle irgendwie verrückt!&#8221; &#8221; Was macht dich so sicher, dass nicht wir die Verrückten hier sind?&#8221;, warf Tamala zwischendurch ein. Sie hatte ihren Kopf auf ihre Hände abgestützt und beobachtete nun mit einem zufriedenen Lächeln Ravel und lauschte seinen Worten. Die Straße ließ sie Straße sein und hatte sie völlig verdrängt. Sie konzentrierte sich nur auf die Person, welche neben ihr saß. &#8221; Wahrscheinlich hast du recht. Statistisch gesehen sind wir hier die Querulanten, aber Statistiken sind doof! Wenn ich einen Stein auf eine Fensterscheibe werfe und ich werfe einmal einen Meter links daran vorbei und werfe ein zweites mal einen Meter rechts daran vorbei, dann wäre die Scheibe statistisch gesehen kaputt&#8230; &#8220;, rechtfertigte er seine Aussage.</p>
<p>&#8220;&#8230; schau dich doch um. Kapo ist eine Stadt voller Gegensätze. Riesig in ihren Ausmaßen&#8230; unüberschaubar&#8230; anonym&#8230; und doch hat sie etwas beschauliches. Sie ist alt und ihre weit verwinkelten Gassen und Wege sind sich eine der anderen so ähnlich dass man ständig Gefahr laufen würde sich zu verirren und doch ist diese alte Stadt von oben bis unten mit allerneuster Technologie vollgestopft. Telefone und Computer in jedem Haushalt und die Litfaßsäulen wurden schon längst von großen Plasmabildschirmen vertrieben, welche nun die Fassaden der Häuser verunstalten. Zeppeline mit Leuchtreklamen hängen träge am Himmel, wie Luftballons&#8230; nur ohne Leine, die sie vor dem davonfliegen bewahrt. Das Leben hier ist einfach und klar, alles wirkt so vorausbestimmt&#8230; wir könnten diesem Strom folgen, aber damit möchte ich mich nicht abfinden. Etwas am Bild der Stadt ist nicht richtig und ich habe mir fest vorgenommen herauszufinden was das ist. Wir können doch nicht die einzigen zwei sein, die noch nicht erwachsen genug sind um das alles zu begreifen! Kannst du dich noch an die Worte von Großmutter Merle erinnern?&#8221; Tamala schloss kurz die Augen und drehte ihren Kopf wieder ab von Ravel. Sie schaute wieder zur Straße, wo grade die nächste Straßenbahn hielt. &#8221; Denkt weiter als Kapo&#8230; ist es das was du meinst?&#8221; &#8221; Genau! Kapo kann doch nicht alles sein! Darüber hinaus muss es doch noch irgend etwas geben&#8230; ich meine, diese Stadt muss doch irgendwo einen Ursprung haben und ebenso muss sie irgendwo enden und eine Antwort&#8230;. &#8220;, schloss er selbstsicher ab, &#8220;&#8230; eine Antwort auf unsere Fragen, werden wir hier wohl nicht erhalten!&#8221; Ravel klang selbstbewusst und voller Elan. Es schien seine volle Überzeugung zu sein und Tamala ließ sich vom Tatendrang des Jungen anstecken. Sie schaute ihn mit großen strahlenden Augen an und war sich sicherer denn je, dass ihre Situation tatsächlich etwas sehr abenteuerliches an sich hatte und mit Ravel, so dachte sie sich, würde sie jedes Abenteuer bestehen. Denn schließlich, standen sie doch grade erst am Anfang&#8230;.</p>
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		<title>Fragen über Fragen&#8230;</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Feb 2010 15:55:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Kleinstück</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ravel und Tamala: Geschichten aus Kapo]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8230; Mit jeder Sekunde die verstrich, vertiefte sich die Szenerie vor ihrem Auge und bald sah man sie gedankenverloren auf den steinernen Stufen vor der blauen Haustür zu Merles kleinem Reich sitzen. Ihre Sinne schien sie völlig abgeschaltet zu haben und alles was ihr durch den Kopf ging wand sich wie eine unsichtbare Schlange um [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8230; Mit jeder Sekunde die verstrich, vertiefte sich die Szenerie vor ihrem Auge und bald sah man sie gedankenverloren auf den steinernen Stufen vor der blauen Haustür zu Merles kleinem Reich sitzen. Ihre Sinne schien sie völlig abgeschaltet zu haben und alles was ihr durch den Kopf ging wand sich wie eine unsichtbare Schlange um den kerzengraden Weg ihres Blickes und verwob sich mit den Menschen und ihrer Stadt. Der Straßenzug vor ihr begann zu verschwimmen und die vorüberwandelnden Leute schienen zu schweben. Sie waren nur noch als Fassetten zu vernehmen und verwischten und verloren sich in aufsteigenden Kondensstreifen. Kapo und seine Bewohner gingen eine skurrile Symbiose miteinander ein. Ein lauter werdendes Summen drängte sich von rechts nach links ins Bild und Tamalas Tagträumereien wurden von einem breiten grünen Streifen zerteilt. &#8220;Sssssssss&#8230; sooo&#8230;!&#8221;, so wie die Straßenbahn sich näherte und vor dem Bahnhalteschild zum Stillstand kam, meldete sich auch Ravel wieder zurück, der mit Worten auf den Lippen die Treppe herunter kam und plötzlich hinter Tamala im Türrahmen stand. &#8220;So! Alles wieder beim alten. Als währen wir nie hier gewesen!&#8221; Ravel kam nicht drumherum zu bemerken dass Tamala völlig vertieft vor ihm kauerte und seine Wiederkehr scheinbar nicht für voll nahm. Sie drehte leicht ihren Kopf zur Seite und mit dem Blick auf das Terracottatöpfchen gerichtet, welches neben ihr auf den Stufen stand, sagte sie nüchtern: &#8221; Sind wir das?&#8221;</p>
<p>Ravel setzte sich neben sie, legte eine Hand auf ihr Knie und suchte mit seinen Augen die Aufmerksamkeit des Mädchens zu erhaschen. &#8221; Hey&#8230; alles in Ordnung mit dir?&#8221;, er machte eine kurze Pause, &#8221; &#8230; Ich weis dass wir letzte Nacht so gut wie kein Auge zugetan haben&#8230; und dass es schwer fällt einen klaren Kopf zu behalten, wir sind geschafft und&#8230; dass was eben passiert ist, trägt gewiss nicht zu einer Besserung der Umstände bei. Du bist bestimmt knülle&#8230; doch&#8230; es ist doch auch aufregend, oder?&#8221;, fuhr er mit einfühlsamen Tonfall fort. &#8221; Was ist denn daran aufregend? Was bitte soll daran erbaulich sein, dass wir anfangen alles um uns herum in Frage zu stellen? Warum überhaupt? Warum grade jetzt? Wir hätten es schon vor einer Woche oder vor einem Jahr tun können. Aber wir taten es nicht. Wir haben in ihr gelebt und wir haben mit ihr gelebt und das, wenn du mich fragst, niemals schlecht. Ok, vielleicht auch nicht besonders gut, aber dennoch habe ich mich immer wohl gefühlt und nie einen Gedanken daran verschwendet dass Kapo in irgend einer Weise nicht korrekt ist. Auf einmal tun wir Dinge, welche wir früher nie getan hätten. Warum auch? Wir haben nie einen Grund dafür gesehen irgend welchen fragwürdigen nächtlichen Vorgängen auf den Straßen Kapos nachzuschleichen. Nie hätten wir einen Grund dafür gehabt das Schlafzimmer von Merle, während ihrer Abwesenheit, auf den Kopf zu stellen. Nun gut, bis jetzt hatte Merle uns auch noch nicht mit ihrer Abwesenheit verblüfft, aber verstehst du was ich meine? Was wollen wir denn damit erreichen? Ich meine wir stöbern überall herum und alles was wir finden sind nur noch mehr Fragen. Wobei sich mir die Frage stellt, wo wollen wir eigentlich hin? Was machen wir hier? Wollen wir uns mit einer Stadt verfeinden, welche uns stets leben ließ und beherbergt hat und welche wir aus freien Stücken unsere Heimat nennen?&#8221; Tamala atmete tief ein und schloss die Augen um wieder auszuatmen. Sie wurde mit jedem Satz den sie sagte schneller und euphorischer. Sie steigerte sich so sehr in ihre Rede hinein, dass Ravel darüber nachdachte, ob dieses Mädchen neben ihm wirklich jenes Mädchen war, welches vor ein paar Minuten noch reglos auf den Dielen vor Merles Bett gelegen hat. Fragend schaute er sie an und fragend ließ er seinen Blick in Richtung der Straßenbahn schweifen&#8230;</p>
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		<title>Emotionsloses Volk&#8230;</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 17:27:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Kleinstück</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ravel und Tamala: Geschichten aus Kapo]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8230; Doch es gab noch mehr zu sehen, was sich ihrem achtsamen Blicken nicht entzog. Ein gelbes Schild mit einem grünen &#8220;H&#8221; darauf verriet ihr, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Bahnhaltestelle befand. Ein Ehepaar schritt Hand in Hand darunter entlang und blieb vor dem Schaufenster des Geschäftes stehen. Sie musterten kurz und systematisch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8230; Doch es gab noch mehr zu sehen, was sich ihrem achtsamen Blicken nicht entzog. Ein gelbes Schild mit einem grünen &#8220;H&#8221; darauf verriet ihr, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Bahnhaltestelle befand. Ein Ehepaar schritt Hand in Hand darunter entlang und blieb vor dem Schaufenster des Geschäftes stehen. Sie musterten kurz und systematisch von oben nach unten die darin angepriesenen Artikel. Ihre Kopfbewegungen verrieten es. Die Frau trug einen langen, taillierten, fuchsroten Mantel und auf dem Kopf einen winzigen, runden, zur Seite abfallenden Hut, der die selbe Farbe des Mantels hatte. Ihr langes, glattes, schwarzes Haar war zu einem strengen Zopf zusammen geflochten und den Hals trug sie einen champangerfarbenen Seidenschal, der wohl mehr zur Zierde diente als vor der Kälte zu schützen. Zumal es die Temperaturen zuließen auf ein solches Accessoire gänzlich zu verzichten. Unter ihrem Mantel sah man ihre farblich zum Schal abgestimmten Stiefel und sie wusste in jenen hochhackigen Exemplaren beim laufen eine gute Figur zu machen. Ihr Mann war eben so stilsicher gekleidet und trug neben Stock und Melone einen tadellosen braunen Anzug. Er war schlank und groß und sein Schnauzbart war akkurat geschnitten. Zweifellos mussten diese beiden Herrschaften einem guten Hause entstammen, denn auch ihre Schuhe waren blank geputzt und dies, so sagte man, war ein Zeichen für Ordnung und gute Erziehung.</p>
<p>So wie sie dem Schaufenster überdrüssig wurden, wendeten sie sich wieder der Straße zu und folgten ihrer Wege. Ihre Münder bewegten sich nicht und so schloss Tamala darauf, das sie wohl kein Wort wechselten, oder sich nicht viel zu sagen haben. Ihre Blicke waren stur geradeaus gerichtet und in ihren Gesichtern war keinerlei Ausdruck, keine Regung, kein Lächeln. Fast bekam man den Eindruck dass sie nicht einmal atmeten. Sie schauten weder nach links noch nach rechts und auch wenn sie noch so gut gekleidet waren, sie hoben sich in keinem Punkt von der Masse der Menschen in Kapo ab. Schräg gegenüber von Merles Haus war der Häuserblock zu Ende. Ein kleiner Friedhof, doch keine Kirche, bettete sich zwischen die Schluchten der Blöcke. Sie zählte vierundzwanzig, kreuzförmige Grabsteine und ein fünfundzwanzigster schien so eben hinzu zu kommen. Under den langen, fast bis zum Boden reichenden, Ästen einer Trauerweide versammelte sich eine kleine Traube von Menschen. Wer wurde wohl zu Grabe getragen? Um was oder wen trauern diese Menschen? Das Grab schien schon verschlossen und so standen die Leute lediglich um einen grauen Stein auf grünem Grund, der daran erinnern soll, wie es war, als jene Person noch unter den Lebenden weilte. Tamala konnte jenes Gefühl des Bedauerns oder Trauerns nicht nachvollziehen, denn bis Dato hatte sie von noch niemanden Abschied nehmen müssen, der ihr in irgend einer Weise nahe stand oder am Herzen lag. Doch den Gesichtern der kleinen Gruppe stand nichts zu Gesicht geschrieben. Sie konnte nicht deuten ob es Angehörige oder Verwandte waren. Sie konnte unmöglich erkennen ob eine Witwe oder ein Witwer, oder gar eine Mutter unter den Personen war welche ihr Kind verabschieden musste. Die Gesichter waren fahl. Keiner weinte, keiner lachte&#8230; warum sollten sie auch lachen? Gäbe es denn irgendeinen Grund mit Freude behaftet einen Friedhof zu betreten? Doch weshalb sich jene Gruppe unter der Weide versammelte blieb für Tamala genauso rätselhaft, denn von Emotionen war keine Spur und lediglich das Schwarz, welches sich durchgängig in der Anzugsordnung wiederfand war ein Hinweis darauf, das es sich wohl um eine Beerdigung handeln musste.</p>
<p>Was für seltsame, emotionslose Wesen waren das, die diese auf einmal befremdliche Stadt bevölkerten? Ob sie nun spatzieren gehen, oder einen Verlust zu bedauern haben sei einerlei, denn von Gefühlen war keine Spur. Tamala versank immer mehr in ihre Gedanken und die Fragen in ihrem Kopf schienen sich zu unbezwingbaren Gebirgen aufzutürmen und plötzlich fühlte sie eine große Einsamkeit und Unzugehörigkeit, in einer Stadt, die doch ihre Heimat war&#8230;</p>
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		<title>Das Bild der Stadt</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Feb 2010 17:36:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Kleinstück</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8230; &#8221; Ehrlich gesagt habe ich meine Zweifel daran, dass ein so kleiner, unscheinbarer Gegenstand etwas bewirkt haben soll, was vermutlich nicht nur wir gespürt haben, sondern nahezu jeder im Umkreis von einem Kilometer&#8230; wenn nicht sogar in ganz Kapo.&#8221;, hatte Ravel einzuwenden. &#8221; Pass auf Tamala. Ich werde fix noch mal nach oben gehen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8230; &#8221; Ehrlich gesagt habe ich meine Zweifel daran, dass ein so kleiner, unscheinbarer Gegenstand etwas bewirkt haben soll, was vermutlich nicht nur wir gespürt haben, sondern nahezu jeder im Umkreis von einem Kilometer&#8230; wenn nicht sogar in ganz Kapo.&#8221;, hatte Ravel einzuwenden. &#8221; Pass auf Tamala. Ich werde fix noch mal nach oben gehen und das bisschen Unordnung beseitigen und du wartest solange auf den Stufen vor der Haustür.&#8221;, schlug er rasch vor. &#8220;Und dieses Ding hier?&#8221;, fragte Tamala und ließ das Lederband mit dem Fundstück einmal lasziv um ihren Zeigefinger schwingen,&#8221;&#8230; das nehmen wir mit!&#8221;, entfuhr es ihm promt. &#8220;Sie wird es schon nicht vermissen!&#8221; Mit einer Leichtigkeit flossen Ravel diese Worte aus dem Munde und so schwungvoll er sie äußerte, war er auch gleich darauf im Haus verschwunden und das Poltern der Treppe übertönte fast seine Worte mit denen er ins Obergeschoss entfloh, &#8220;Bin gleich zurück!&#8221;. Tamala ließ sich auf die Stufen plumpsen, legte ihre Unterarme in den Schoß und drehte mit den Daumen nachdenklich den kleinen Gegenstand in ihren Händen. Dann ließ sie ihren Blick davon ab und den holperigen Pflasterweg entlang gleiten, bis hin zum Gartentürchen und schließlich auf die Straße hinaus, wo sie verweilte und den Abschnitt anstarrte, welcher sich vor ihr offenbarte.</p>
<p>Es herrschte Totenstille und die Stufen, auf welchen sie saß, waren eben so mild und warm wie die Luft die sie umgab. Keine Stimme war zu vernehmen und kein Geräusch drang an ihre Ohren und doch waren Menschen auf den Straßen unterwegs. Sie schaute grade über die Straße hinweg, in das Schaufenster eines Ladens, welcher Haushaltsgeräte vertrieb. Die großen Schaufenster waren übersichtlich gestaltet und wirkten wenig fantasievoll und liebevoll eingerichtet. Alles was das Bild etwas aufheiterte waren die grünen Fensterrahmen und die schmale, eingezogene, weiß/gelb gestreifte Markise darüber. Im Fenster der Eingangstür hing ein ovales Schild mit der Aufschrift &#8220;Geschlossen&#8221;. Es war Sonntag, wie sollte es auch anders sein? Daneben sah sie ein weiteres größeres Portal. Es war wohl der Aufgang zu den Wohnungen, welche sich über dem Ladengeschäft befanden. Fast überall in Kapo konnte man jene Aufteilung der Häuser beobachten. Ebenerdig befand sich meist ein Lokal oder ein Geschäft und darüber wohnten die Leute. Auch die Markisen, welche zu Zeiten der Öffnung einen breiten Schatten auf die Gehwege warfen, waren Gang und Gebe in Kapo und sie waren alle samt gestreift und bunt. Ein graues hohes Haus war es, mit sechs Etagen über dem Haushaltswarenladen. Obwohl es warm in der Stadt war, wie eigentlich jeden Tag, waren die hellgrün umrahmten Fenster verschlossen. Bei einigen sogar die grünen Fensterläden um in den Räumlichkeiten dahinter künstlich Nacht zu schaffen. Sieben Fenster auf jeder Etage und jedes dritte von links und dritte von rechts war mit einem kleinen, vergitterten Ausstieg versehen, von denen jeder grade so groß war, das höchstens eine Person darauf Platz fand. Das oberste Geschoss schloss mit zwei spitzen Giebeln ab. Dazwischen war eine kleine Terrasse umgeben von einer Steinbalustrade und darüber befand sich das abgeflachte Dach mit seinen vier, mannshohen Schornsteinen, jeder für sich das Ende eines Heizrohres Preis gebend, aus denen kerzengrade eine blasse Dampfwolke zum Himmel hinauf stieg.</p>
<p>Was für eine Einöde, dachte sich Tamala. Denn genauso wie sich dieses Bild vor ihr erstreckte, sah es nahe zu überall in dieser riesigen Stadt aus&#8230;</p>
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